Therapie

Myofunktionelle Störungen: Expertenmeinung & Evidenz

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Eine Myofunktionelle Störung (MFS) wird als eine Störung der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich definiert, die eine Beeinflussung der Bewegungs- und Koordinationsabläufe sowie des muskulären Gleichgewichts aller am Schlucken beteiligten Strukturen bewirkt (dbl, 2013). Eine Studie von Grabowski, Kundt und Stahl (2007) beziffert die Prävalenz der MFS mit 89 Prozent im Milchgebiss und 90 Prozent im frühen Wechselgebiss.

Die aus einer MFS resultierenden orofazialen Dysfunktionen sind unter anderem die „falsche Zungenruhelage“ sowie das „falsche Schluckmuster“, wobei der Ursachen- und Symptomenkomplex von orofazialen Dysfunktionen, insbesondere von Zungendysfunktionen und Zahn- und Kieferfehlstellungen, vielfältig ist. Sowohl Kieferorthopäden als auch Logopäden heben die Bedeutung einer interdisziplinären Zusammenarbeit in der Diagnostik orofazialer Funktionen hervor.

Evidenznachweise für die Diagnostik orofazialer Funktionen gibt es nur wenige. Viele angewendete Methoden zur Diagnostik beruhen auf „persönlichen“ Erfahrungen ohne Wirksamkeitsnachweise.

Im Folgenden eine Darstellung der Ursachen und des Symptomenkomplexes der orofazialen Dysfunktionen „falsche Zungenruhelage“ und „falsches Schluckmuster“. Überdies werden die bisherigen Bemühungen zum wissenschaftlichen Nachweis der Evidenz im Rahmen der orofazialen Diagnostik erläutert sowie die gemeinsamen Bemühungen und Methoden der interdisziplinären Zusammenarbeit dargelegt.

Myofunktionelle Störung

Nachfolgend soll zunächst eine Definition der MFS gegeben werden, um im Anschluss daran die Ursachen- und Symptomenkomplexe insbesondere der „falschen Zungenruhelage“ und des „falschen Schluckmusters“ näher zu erläutern.

Ursachen- und Symptomenkomplex einer Myofunktionellen Störung

Laut Deutschem Bundesverband für Logopädie (dbl) (dbl, 2013) handelt es sich bei einer MFS um eine Störung der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich mit Beeinflussung der Bewegungs- und Koordinationsabläufe sowie des muskulären Gleichgewichts aller am Schlucken beteiligten Strukturen. Kittel (2014) erweitert diese Definition dahingehend, dass sich eine MFS neben der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich auch im Hals- und Nackenbereich auswirkt, und zwar sowohl bei den Primärfunktionen (Atmen, Saugen, Beißen, Kauen und Schlucken) als auch bei den Sekundärfunktionen (Artikulation und Phonation).

Bigenzahn äußerte schon 1995 die Annahme, dass ein abweichendes Muster in den Primär- und Sekundärfunktionen, vor allem im Bereich des Zungen- und Kaumuskulatur, eine Formveränderung des Mundraumes, der Zahnstellung und der Kieferstellung zur Folge haben kann. Dieses abweichende Muster einer MFS unterteilte Bigenzahn (1995) in primäre und sekundäre Dysfunktionen, wobei unter primären Dysfunktionen vor allem die Bereiche Mundatmung, „Zungenpressen“ sowie „falsches Schluckmuster“ verstanden werden, während die sekundären Dysfunktionen Artikulations- und Phonationsstörungen umfassen. Kahl-Nieke (2001) zufolge haben primäre Dysfunktionen einen verursachenden Charakter auf die Zahn- und Kieferstellung. Bei sekundären Dysfunktionen handelt es sich dagegen um muskuläre Fehlfunktionen, die Veränderungen von Hartgewebe bewirken oder bereits bestehende Veränderungen verstärken.

Grabowski, Kundt, et al. (2007) fanden im Rahmen einer Querschnittsstudie heraus, dass von 766 untersuchten Kindern mit Milchgebiss 89 Prozent eine MFS zeigten. Bei 2.275 untersuchten Kindern mit frühem Wechselgebiss wurde bei 90 Prozent eine MFS festgestellt. Eine zunehmende Verschlechterung des Gebissstatus in den Folgejahren wurde in einer weiteren Studie von Grabowski, Stahl, Gaebel, und Kundt (2007) nachgewiesen. Diese Studie ergab ferner, dass 75 Prozent aller Kinder mit Milchgebiss Gebissanomalien zeigten und eine signifikante Steigerung dieses Wertes auf 93 Prozent im Wechselgebiss nachweisbar ist. Grabowski, Stahl, et al. (2007) schlussfolgern aus ihren Erkenntnissen, dass eine kritische Reflexion hinsichtlich der Selbstheilungskräfte sowie eine Beachtung der kausalen Verkettung während der Entstehung von Dysgnathien in der Therapie von morphologischen Abweichungen im Gebiss stattfinden sollte.

Nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) (DGKFO, 2008) belegen zahlreiche Studien, unter anderem die oben beschriebene Studie von Grabowski, Stahl, et al. (2007), dass ein erhöhtes Auftreten von kraniofazialer Dysfunktionen, beispielsweise bei Mundatmung und vor allem bei Zungendysfunktionen, charakteristische Zahn- und Kieferfehlstellungen aufweisen, was auf eine funktionelle Beeinflussung der Zahn- und Kieferentwicklung schließen ließe. In diesem Zusammenhang kritisiert die DGKFO (2008) das Fehlen einer abschließenden Klärung der genauen Mechanismen im Zusammenhang der obengenannten Wechselwirkung.

Im vorgegebenen Rahmen dieser Hausarbeit kann eine umfassende Betrachtung des Ursachen- und Symptomenkomplexes einer MFS nicht geleistet werden, insofern wird sich im Folgenden darauf beschränkt, die Ursachen und Symptomenkomplexe der orofazialen Dysfunktionen „falsche Zungenruhelage“ sowie „falsches Schluckmuster“ näher zu beleuchten.

Ursachen- und Symptomenkomplex der „falschen Zungenruhelage“

Bei einer „falschen Zungenruhelage“ richtet sich der vordere Teil der Zunge entweder schlaff oder auch mit leichtem ständigen Druck interdental oder addental gegen die Frontzähne. Die Zungenränder weisen möglicherweise gegen die Seitenzähne oder es ist ein Ablegen der Zungenränder zwischen den Seitenzähnen zu beobachten. Die Zungenränder sind oft verdickt und gerötet und zeigen infolge des Drucks an den Zähnen Impressionen. Der Mittelteil der Zunge bleibt bei einer „falschen Zungenruhelage“ auf dem Mundboden (Kittel, 2014).

Thuer, Sieber, und Ingervall (1999) sehen in der Ruheposition der Zunge einen wichtigen Faktor für die Entwicklung der Zahnstellung. Im Zusammenhang mit vielen Störungen im orofazialen Bereich (habituell und organisch) kann eine pathologische Zungenposition beobachtet werden. Die „falsche Zungenruhelage“ kann laut Kittel (2014) als Anpassungserscheinung an einen „offenen Biss“ entstehen, und zwar dadurch, dass der „offene Biss“ die Zunge zu einer „falschen Zungenruhelage“ verleitet. So kommt es zu einer Aufrechterhaltung des „offenen Bisses“.

Die DGKFO erläutert in ihrer Stellungnahme von 2008, dass bei Tonus-, Positions- und Funktionsveränderungen der Zunge vermehrt Zahnfehlstellungen (u. a. Protrusion, Tendenz zum „offenen Biss“) auftreten. Proffit, Fields und Sarver (2007) führen in diesem Zusammenhang weiter aus, dass der bedeutende Faktor für entscheidende Auswirkungen auf die Entwicklung des stomatognathen Systems von der Dauer einer Kraft (täglich zwischen zwei und sechs Stunden) ausgeht und nicht von der Größe einer Kraft. Er nennt hierbei als größten Einfluss- und Wirkungsfaktor u. a. die Zungenruhelage, da sie mit am längsten wirksam ist. Die Wirkung des „falschen Schluckmusters“ stuft er im Vergleich zur „falschen Zungenruhelage“ als gering ein, da die Anzahl der Schluckakte pro Tag (ca. 1.500) keine stundenlange Krafteinwirkung darstellen.

Ursachen- und Symptomenkomplex des „falschen Schluckmusters“

In der Literatur werden für das „falsche Schluckmuster“ unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet, unter anderem „viszerales Schluckmuster“, „falsches Schluckmuster“, „fehlerhaftes Schlucken“, „Zungenpressen“ („tongue thrust“) (u. a. Garliner, 1989; Grabowski, Stahl, et al., 2007; Kittel, 2014).

Kittel (2014) beschreibt das „falsche Schluckmuster“ so, dass sich der vordere und/oder der laterale Teil der Zunge gegen oder zwischen die Zähne drücken beziehungsweise schieben. Im lateralen Zungenbereich kann dies einseitig oder auch beidseitig vorkommen. Ferner erläutert Kittel (ebd.), dass sich beim „falschen Schluckmuster“ die Zungenmitte nicht gegen den harten Gaumen bewegt, wobei sie als Grund hierfür angibt, dass infolge der Schwäche des Zungenmittelteils der nötige Unterdruck zum Nahrungstransport nicht aufgebracht werden kann. Überdies verdicken sich in vielen Fällen nach dem „falschen Schlucken“ die Seitenränder und es können weiße Eindrücke der Zähne sichtbar sein. Bei dauerhaftem starken Pressen der Zunge im Zuge des „falschen Schluckens“ kann der laterale Bereich der Zunge girlandenartige Ränder aufweisen und gerötet sein.

Der Tonus innerhalb der Zunge ist häufig unterschiedlich. Die lateralen Anteile der Zunge sind stark und die Zungenmitte schwach. Dadurch entsteht ein schüsselartiges Aussehen der Zungenmitte. Aufgrund der fehlenden Bewegung der Zunge in Ruhe und beim Schlucken zum Gaumen hin ist das Zungenbändchen kurz (Kittel, 2014).

Garliner und Gables (1982) machte in einer Studie deutlich, dass das Fehlschlucken ein komplexer Vorgang ist und nicht nur aus der „falschen Zungenlage“ beim Schlucken besteht. Überdies sei das „Zungenpressen“ („tongue thrust“) jeweils im Zusammenhang mit einem gestörten orofazialen Muskelgleichgewicht sowie der „falschen Zungenruhelage“ zu sehen (Garliner, 1989), während für Kittel (2014) das „falsche Schlucken“ im Mittelpunkt einer MFS steht. Linden (1984) sieht die Hauptursache für ein lang anhaltendes „viszerales Schluckmuster“ vor allem darin, dass mithilfe der interdentalen Platzierung der Zunge ein instinktives Bedürfnis nach einem offenen Luftweg bedient wird. Rakosi (1984) beschreibt, dass das „fehlerhafte Schlucken“ primär bestehen und dadurch Dysgnathien verursachen kann. Andererseits kann ein „falsches Schluckmuster“ auch als Anpassungserscheinung an Dysgnathien (u. a. „offener Biss“) entstehen (Kittel, 2014; Rakosi, 1984). Durch letzteres kommt es laut Kittel (2014) zu einer Aufrechterhaltung des „offenen Bisses“.

1991 konnten Clausnitzer und Clausnitzer (1991; zitiert nach Clausnitzer, 2006) in einer vergleichenden Studie an 458 Kindern (358 Kinder mit Dysgnathien und 100 Kinder mit eugnathem Gebiss) feststellen, dass ein „falsches Schluckmuster“ bei Kindern mit Dysgnathien signifikant häufiger auftritt als bei Kindern mit eugnathem Gebiss. Grabowski, Stahl, et al. (2007) bestätigten diesen Zusammenhang anhand von Untersuchungsergebnissen an 3.041 Kindern mit Milch- und frühem Wechselgebiss.

Evidenz im Rahmen der orofazialen Funktionsdiagnostik

Nachfolgend werden die Gütekriterien eines Diagnostikinstruments in Anlehnung an Beushausen und Grötzbach (2011) beschrieben. Sodann wird die Evidenz im Rahmen der orofazialen Funktionsdiagnostik erläutert, wobei auf die Funktionsdiagnostik nach Kittel und auf weitere Funktionsdiagnostiken eingegangen wird.

Gütekriterien eines Diagnostikinstruments

Laut Beushausen und Grötzbach (2011) ist eine Diagnostik bei der Planung einer Therapie unerlässlich. Das Diagnostikinstrument sollte dabei den Gütekriterien Objektivität, Validität und Reliabilität entsprechen, um als standardisiert und normiert zu gelten. Objektivität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Untersuchungsergebnisse vom Untersucher nicht beeinflussbar und abhängig sein dürfen. Validität beschreibt die Gültigkeit eines Tests; eine Untersuchung ist demnach dann valide, wenn der Test tatsächlich das misst, was er vorgibt zu messen. Reliabilität ist die Zuverlässigkeit eines Tests, das heißt, eine Untersuchung ist dann reliabel, wenn bei einer Testwiederholung dasselbe Ergebnis erzielt wird. Eine Normierung ermöglicht die Einschätzung, ob die Testperson mit den erreichten Ergebnissen im Vergleich zur Norm im durchschnittlichen, über- oder unterdurchschnittlichen Bereich liegt (Beushausen & Grötzbach, 2011).

In einer Stellungnahme von 1988 kritisierte die DGKFO (DGKFO, 1988) die fehlende Evidenz für den Bereich der „Myofunktionellen Übungen“ und der „Myofunktionellen Therapie“ (MFT) wie folgt: „Zur allgemeinen wissenschaftlichen Anerkennung fehlen noch notwendige Kriterien der Beweisführung und der Reproduzierbarkeit durch andere Wissenschaftler sowie ein allgemein akzeptierter Indikationskatalog“ (DGKFO, 1988, S. 2). Sie bekräftigte in einer Stellungnahme von 2008 (DGKFO, 2008) die obengenannte Kritik und erklärte, dass die Diagnostik orofazialer Dysfunktionen weiterhin weder standardisiert noch evidenzbasiert ist. Sie fordert eine „standardisierte funktionelle Basisuntersuchung und Dokumentation“ (S. 2). Lediglich Ansätze zur Verbesserung der Dokumentationssituation sind in der Literatur auffindbar.

Felicio und Ferreira wiesen 2008 darauf hin, dass es in der Literatur kein gültiges Instrument für die Evaluation der Befundung orofazialer MFS gibt (Felicio & Ferreira, 2008). Aufgrund dessen ist es für den Untersucher /Therapeuten schwierig, seine Wahrnehmung valide und reproduzierbar zu beschreiben. Mehnert, Landau, Orawa, et (2009) bemängeln dies ebenfalls und sind der Meinung, dass eine evidenzbasierte und standardisierte Diagnostik als Voraussetzung für einen Therapieerfolg angesehen werden kann.

Funktionsdiagnostik nach Kittel

Die Funktionsdiagnostik nach Kittel (1998) umfasst folgende Bereiche: Lippen, Zunge, Kinn, Gesichts- und Kaumuskulatur, Zähne, Kiefer, Gaumen, Gesamtkörper, Atmung, Artikulation, Stimme, Anamnese, sonstige Beobachtungen und Bemerkungen. Die Diagnostik der Zungenfunktion von Kittel (1998) wird von Stahl, Grabowski, Gaebel, und Kundt (2007) und Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) als Standardverfahren bei der Diagnosestellung von Zungendysfunktionen betrachtet.
Kittel (2008) und Korbmacher, Böhme, Kittel, und Kahl-Nike (2004) bezeichnen die Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (1998) als häufig angewendetes und anerkanntes Verfahren unter anderem von Phoniatern, Logopäden und Kieferorthopäden. Eine Expertenbefragung von 419 Logopäden ergab, dass 92,4 Prozent der Befragten nach dem Therapiekonzept von Kittel (2011) arbeiten und 35,3 Prozent ihre Fortbildung besucht haben. (Eifler & Wittich, 2012). Aufgrund dieser Zahlen kann angenommen werden, dass auch die Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (1998) von sehr vielen Logopäden durchgeführt wird. Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) stellen jedoch fest, dass die Qualität dieser Untersuchung noch nicht gezielt verifiziert wurde.

Studien zum Evidenznachweis der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel

Aufgrund des bisher fehlenden Evidenznachweises führten Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) eine Untersuchung zur Validität und Reliabilität der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (2008) durch. Hierbei wurden 52 Probanden in zwei Fachpraxen für MFT mit der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (Zungenruhelage, Zungenlage beim Schlucken) von jeweils drei Logopädinnen getestet. Die Ergebnisse der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel ergaben unterschiedlich hohe Werte der Interrater-Reliabilität (in einer Fachpraxis waren sie befriedigend, in der anderen weitgehend unzureichend). Als Fazit stellen die Autoren fest, dass die Reliabilität und Validität der logopädischen Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel zum Zeitpunkt der Studie nicht dargestellt werden und auch nicht als angenommen gelten kann. Die heterogenen Ergebnisse dieser Studie eigenen sich laut Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) auch nicht dafür, einen wissenschaftlichen Nachweis für die zuverlässige Diagnostik von Zungendysfunktionen nach Kittel zu liefern. Die als anerkanntes Verfahren geltende Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel wird im Rahmen der obengenannten Studie nicht einheitlich als überzeugend eingeschätzt. In diesem Zusammenhang werfen die Autoren die Frage auf, ob der überweisende Kieferorthopäde durch eine Zungenfunktionsdiagnostik der Logopädin aufgrund der Heterogenität der Ergebnisse neue und vor allem verlässliche Erkenntnisse erhält.

Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) verglichen in einer weiteren Studie die logopädischen und magnetresonanztomographischen Befunde (MRT-Befunde) zur Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (1998) (Logopädische Diagnostik nach Kittel) und untersuchten, inwieweit logopädische Diagnosen durch MRT-Befunde ersetzbar sind. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die logopädischen Befunde nach Kittel (1998) und die MRT-Befunde deutlich voneinander abwichen und dadurch keine befriedigende übereinstimmende Diagnose möglich war. Sowohl bei der Beurteilung der Zungenruhelage als auch bei der Beurteilung des Schluckmusters konnten keine signifikanten Korrelationen festgestellt werden. Daraus schlussfolgern Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009), dass die Übereinstimmung der logopädischen Befunde nach Kittel (1998) und der MRT-Befunde gering sind. Unklar bleibt, welche dieser obengenannten Befunde die tatsächliche klinische Situation korrekt darstellt. Die Autoren leiten daraus ferner ab, dass weder die magnetresonanztomographische Auswertung noch die Befundung nach Kittel (1998) sich alleine als standardisierte Untersuchungsmethode zur Diagnostik einer Zungenfunktionsstörung eignet, da beide Verfahren Fehlerquellen beinhalten. Auch sehen sie kritisch, ob der Patient sowie der Kieferorthopäde nach einer logopädischen Befundung eine verlässliche Diagnose erhält, da es an standardisierten und evidenzbasierten Diagnostikmethoden mangelt.

Wie soeben erwähnt, vermuten Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) Fehlerquellen in der logopädischen Befundung nach Kittel (1998). Die intraorale Einsicht bei der logopädischen Befundung ist begrenzt, sodass Fehler innerhalb der Untersuchung möglich sind. Die neben anderem stattfindende Beurteilung der Zungenruhelage sowie des Schluckmusters unter Sicht (mit Wangenhaltern) könne jedoch die Ruhelage und das Schluckmuster beeinflussen. Klemp, Tippner, Walz, und Warnow (2011) sehen ebenfalls die mögliche Beeinflussung des Schluckmusters durch den Wangenexpander und vermuten eine bewusste oder unbewusste Veränderung des Schluckvorgangs.

Ferner nehmen die Autoren bei der Verwendung des Wangenexpanders auch an, dass der Schluckvorgang dann nicht mehr ausnahmslos unbewusst durchgeführt wird. Sie leiten daraus die grundsätzliche Frage ab, wie die Myofunktionelle Diagnostik überhaupt durchgeführt werden sollte (bewusst oder unbewusst) und plädieren sowohl für eine bewusste als auch eine unbewusste Durchführung. Grabowski, Kundt, et al. (2007) erwähnen in diesem Zusammenhang, dass pro Patient oftmals unterschiedliche Zungenpositionen (in Ruhe und beim Schlucken) festgestellt werden können. Aufgrund dessen ist Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) zufolge eine zusätzliche Schwierigkeit in der eindeutigen diagnostischen Zuordnung der Zungenruhelage und des Schluckmusters nach Kittel (1998) vorhanden. Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) weisen ferner darauf hin, dass eine einheitliche Bezeichnung der verschiedenen Zungenfunktionsstörungen fehlt, was eine eindeutige Diagnostik der Zungenfunktion zusätzlich erschwere.

Im Vergleich zu anderen Untersuchungsmethoden (z. B. Palatographie, Elektromagnetische Artikulographie, Ultraschalldiagnostik) (u. a. Fuhrmann & Diedrich, 1994; Schwestka-Polly, Engelke, & Engelke, 1992) bezeichnen Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) die Magnetresonanztomographie (MRT) als ein geeignetes Verfahren zur Darstellung der motorischen Zungenfunktion. Sie sehen die Vorteile in der Beurteilung unter anderem der Weichteilbefunde (z. B. vergrößerte Adenoide) sowie der Funktionsbefunde des Kiefergelenks. Nachteilig bewerten sie die Fixierung des Kopfes während der Durchführung des MRT und die Rückenlage des Patienten. Dies könnte Auswirkungen auf die Zungenfunktion in Ruhe und beim Schlucken haben.

Weitere Funktionsdiagnostik und ihre Evidenz

Korbmacher et al. (2004) erstellten einen fachübergreifenden und methodenunabhängigen Diagnosebogen, der eine standardisierte Diagnostik möglich machen soll. Die Evaluationsergebnisse zeigten, dass 18 Prozent (8 von 44 befragten Therapeuten) im Rahmen der Erstdiagnostik keine standardisierte Mittel einsetzen. Mithilfe dieses Diagnosebogens soll sowohl die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei Patienten mit orofazialen Dysfunktionen verbessert als auch eine wissenschaftliche Grundlage für die logopädische Diagnostik und Therapieableitung geschaffen werden. Der Bogen ist gleichermaßen für eine Erstdiagnostik wie eine Verlaufsdiagnostik verwendbar und umfasst die Themengebiete Muskulatur, Zunge, Artikulation, Atmung, Habits sowie einen kieferorthopädischen Kurzbefund geeignet. Für jedes dieser Themengebiete ist ebenfalls die Möglichkeit eines Konsils bei anderen Fachgebieten (Phoniatrie, Hals-Nasen-Ohren Arzt (HNO-Arzt), Pädiater) vorgesehen. Korbmacher et al. (2004) weisen jedoch auch darauf hin, dass zusätzlich zu diesem Diagnosebogen eine weitere vertiefende Diagnostik in den Fachdisziplinen erforderlich ist. Sie bestätigen überdies die durch die DGKFO (2008) geäußerte Kritik nach fehlender Evidenz und sehen die Entwicklung einer homogenen reproduzierbaren Dokumentation der Diagnostik und Verlaufsdiagnostik als Basis für eine wissenschaftliche Beweisführung. Allerdings sehen sie hinsichtlich der angestrebten wissenschaftlichen Beweisführung die Schwierigkeit, dass dieses Ziel aufgrund der sehr heterogenen bzw. fehlenden standardisierten Diagnostik innerhalb der Logopädie behindert wird.

Weitere Untersuchungen zur Reliabiliät Myofunktioneller Diagnosen mithilfe von verschiedenen Befundbögen von Bakke, Bergendal, McAllister, Sjogreen, und Asten (2007) und Felicício und Ferreira (2008) erlauben aufgrund unterschiedlicher Methoden und unterschiedlicher Probandengruppen kein pauschales Urteil über die Evidenz, Reliabilität und Validität der Zungenfunktionsdiagnostik. Obwohl in der Vergangenheit zahlreiche Untersuchungen zur Analyse der Ruhelage und Bewegungsabläufe der Zunge durchgeführt wurden (u.a. mit Elektropalatographie, Sonographie und elektromagnetischer Artikulographie) (Cayley, Tindall, Sampson, & Butcher, 2000; Fuhrmann & Diedrich, 1994; Schwestka-Polly et al., 1992), ist dennoch weiterhin eine standardisierte und evidenzbasierte Diagnostik orofazialer Dysfunktionen nicht möglich (DGKFO, 2008). Die DGKFO (2008) sowie Sergl (1988) erklärten, dass das exakte Erfassen von Weichteilen und Weichteilfunktionen aufgrund ihrer Heterogenität methodisch schwer umsetzbar ist. Von den in diesem Kapitel beschriebenen und aufgezählten Diagnostikinstrumenten konnte sich keines etablieren.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Im Zentrum des Interesses steht nachfolgend die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen im Bereich der orofazialen Funktionsdiagnostik. Besondere Anforderungen an die Interdisziplinarität im Blick auf die Behandlung des „offenen Bisses“ werden erläutert.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Paul-Brown und Clausen (1999) machten auf die Bedeutung einer interdisziplinären Zusammenarbeit in der Diagnostik aufmerksam, da sich ein Erfolg nur durch ein Miteinander der Disziplinen statt eines Nebeneinanders erreichen ließe. Furtenbach und Wallner (2009) ergänzen dahingehend, dass je besser die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Disziplinen (u. a. Kieferorthopädie, HNO-Arzt /Phoniatrie, Logopädie) ist, desto besser auch die Diagnostik der orofazialen Dysfunktionen und daraufhin die Myofunktionelle Therapie (MFT) ausgeführt werden könne.

Mithilfe einer Interview-/Fragebogenstudie ermittelten Klocke, Korbmacher, und Kahl- Nieke (2000) die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der MFT. 42 Therapeuten nahmen an dieser Studie teil. Das Ergebnis war, dass der Kieferorthopäde, der Kinderarzt sowie der HNO-Arzt als häufigster Überweiser genannt wurden. Eifler und Wittich (2012) kamen im Rahmen einer Expertenbefragung unter 419 Logopäden zu ähnlichen Ergebnissen bei der Frage nach dem häufigsten Überweiser, als zweihäufigster Überweiser wurde laut ihrer Befragung der Zahnarzt genannt.

Die Benotung der Zusammenarbeit mit dem Überweiser ergab eine Durchschnittsnote von 2,7 für den Kinderarzt sowie für den HNO-Arzt. Der Kieferorthopäde erhielt die Durchschnittsnote 3,2 (Klocke et al., 2000). In einer Studie von Korbmacher und Kahl-Nieke (2001) bemängelten 86 Prozent der Logopäden die Qualität der interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Kieferorthopäden.
Der späte Überweisungszeitpunkt wurde von einem Drittel der Therapeuten kritisiert. Zwei Drittel der Therapeuten bevorzugen einen frühzeitigen Therapiebeginn von acht Jahren oder jünger. Der Wunsch nach besserer Kommunikation zwischen Überweiser und Therapeut wurde von 48 Prozent der Befragten geäußert (Klocke et al., 2000).

Interdisziplinäre Fortbildungen, Aufklärung des Patienten durch den Überweiser (Art und Relevanz der Therapie) sowie ein frühzeitiges Screening zur Vorsorge und Früherkennung von Störungen waren Vorschläge zur Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit (Klocke et al., 2000). Durch interdisziplinäre Fortbildungen versprechen sich Klocke et al. (2000) eine gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit und die Schaffung eines besseren Grundverständnisses untereinander. Ferner erachten sie die Übermittlung eines Dokumentationsbogens mit diagnostischen Unterlagen des jeweiligen Arztes sowie Informationen über den Patienten als sinnvoll.

Besondere Anforderungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit

Subtelny und Sakuda (1964) sowie Korbmacher und Kahl-Nieke (2001) sehen eine gute interdisziplinäre Kooperation und Kommunikation von Kieferorthopäden und Logopäden bei der korrekten Diagnose eines „offenen Bisses“ (fronale Intraokklusion) als sehr bedeutsam an. Sie empfehlen die Benutzung eines standardisierten Diagnoseprotokolls. Am Beispiel eines „offenen Bisses“ beschreiben Lisson und Heckmann (2008), dass es in der kieferorthopädischen und logopädischen Differentialdiagnostik wichtig ist, die Ursache hierfür herauszufinden, wobei diese sowohl durch dentoalveoläre Faktoren (orofaziale Dysfunktionen), skelettale Faktoren (Ober- und Unterkieferbasis) oder durch dentoalveolär-skelettale Faktoren (beide obengenannten Faktoren gleichermaßen) bedingt sein kann. Im Rahmen einer von beiden Seiten umfassenden Diagnostik lassen sich die Ursachen mittels Funktionsbefunden sowie einem Fernröntgenseitenbild feststellen. Lisson und Heckmann (2008) legen dar, dass übersehene persistierende orofaziale Dyskinesien den kieferorthopädischen Behandlungserfolg einer Dysgnathie (z. B. „offener Biss“) ganz oder teilweise rückgängig machen können.

Stöckli, Ingervall, Joho, und Wieslander (1987) formulierten 1987 die Vermutung, dass Kieferorthopäden gerne persistierende Zungendysfunktionen für kieferorthopädische Misserfolge verantwortlich machen, obwohl eine nicht vollständige Befunderhebung durch den Kieferorthopäden vorausgegangen ist und/oder andere ursächliche Faktoren übersehen worden sind.

Fazit und Ausblick

In der Literatur gibt es zum Themenbereich MFS überwiegend Expertenmeinungen, was aus einem forschungsmethodischen Blickwinkel heraus nicht wissenschaftlich ist. Wie in Kapitel 2 erläutert, sind die Symptome und Ursachen von orofazialen Dysfunktionen vielfältig und eine empirische Erforschung ist größtenteils nicht vorhanden. Ein evidenzbasierter Zusammenhang zwischen Ursachen und Symptomen konnte bisher nicht hergestellt werden. Ferner sind die Ursachen und Symptome beispielsweise im Bereich des „falschen Schluckmusters“ nicht klar voneinander getrennt. Hierbei wird von Rakosi (1984) und Kittel (2014) beschrieben, dass ein „falsches Schluckmuster“ primär bestehen und dadurch eine Dysgnathie verursachen kann. Andererseits kann ein „falsches Schluckmuster“ auch eine Anpassungserscheinung an eine Dysgnathie (z. B: „offener Biss“) sein.

Die Funktionsdiagnostik nach Kittel (1998) wird als Standardverfahren angesehen (Mehnert, Landau, Orawa, et al., 2009; Stahl et al., 2007). Die MFT nach Kittel (2011) wird laut einer Expertenbefragung unter 419 Logopäden (BC) von 92,4 Prozent durchgeführt (Eifler & Wittich, 2012). Die entsprechende Fortbildung wurde von 35,3Prozent der Befragten besucht (Eifler & Wittich, 2012). Untersuchungen von Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) konnten jedoch belegen, dass sich bei der Funktionsdiagnostik nach Kittel (2008) die Gütekriterien Validität und Reliabilität nicht einheitlich überzeugend nachweisen ließen. Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) gingen in ihrem Fazit sogar noch weiter und ergänzten, dass sich die Diagnostik nach Kittel (1998) nicht allein als standardisierte Untersuchungsmethode einer Zungendysfunktion eignet. Kittels Werk Myofunktionelle Therapie (2014) sowie die Fortbildung der Autorin beinhalten in den Bereichen Symptome der orofazialen Dysfunktionen sowie Diagnostik überwiegend subjektive Erfahrungen und Annahmen ohne Evidenzen.

Aus dem geschichtlichen Hintergrund der Logopädie wird deutlich, dass diese Disziplin in Deutschland über einen langen Zeitraum hinweg ein Heil-Hilfs-Beruf ohne wissenschaftlichen Anspruch war. Mittlerweile ändert sich dies allmählich und es werden vermehrt Studien, etwa Vergleichsstudien und Wirksamkeitsstudien durchgeführt. Viele Logopäden ohne Grundwissen hinsichtlich Evidenz und ihrer Zusammenhänge sind außerstande, Studienergebnisse zu interpretieren und verbleiben in Handlungstraditionen aufgrund subjektiver Erfahrungen, Annahmen und Lehrbuchmeinungen ohne Evidenzen.

Auf die bisher nicht vorhandene Standardisierung der Diagnostik von orofazialen Dysfunktionen weist die DGKFO (2008) hin. Als Diskussions- und Forschungsgegenstand könnte der Interdisziplinäre Diagnostikbogen (Korbmacher et al., 2004) dienen. Eine Weiterentwicklung dieses Diagnostikbogens im Sinne einer Erprobung durch eine „multizentrierte Studie“ hatten die Autoren 2004 in Aussicht gestellt, doch konnte diesbezüglich keine erneute Veröffentlichung gefunden werden. Außerdem sollte in Zukunft die Erstellung von Leitlinien diskutiert werden, was sich jedoch laut DGKFO (2008) aufgrund der großen Individualität unter anderem im Bereich des Ursachen- und Symptomenkomplexes schwierig gestaltet.

Abschließend bleibt festzustellen, dass die Bereiche Ursachen und Symptomenkomplex der MFS und Funktionsdiagnositk orofazialer Dysfunktionen überwiegend unerforscht sind. Aufgrund der geschilderten Erschwernisse im Rahmen einer Evidenzbasierung wird eine Verbesserung dieser Situation in naher Zukunft meines Erachtens auch nicht möglich sein.

31 Kommentare

  1. Ich habe in der MFT die Erfahrung gemacht, dass häufig frühkindliche Bewegungsmuster und blockierte HWS Problematiken die „klassische“ logopädische Behandlung einschränken bzw. blockieren. Aus diesem Grund kann ich die bewegungsunterstütze MFT sehr empfehlen. Die Kinder sind deutlich motivierter, ihre orofaziale Muskulatur über z.B. ein Rollbrett zu stärken.

  2. So schwierig finde ich die Diagnostik nicht, wenn man die formende Kraft tonischer Muster nicht in Frage stellt. Dann kann man aus der Dysgnathie eindeutig fehlerhafte Muster ableiten. Das funktioniert bei Kindern und Erwachsenen. Schwieriger wird es zu interpretieren wie sich fehlender Muskeltonus, den ich für das gravierendste Problem der Gebiss Entwicklung betrachte, auswirkt. Da ist alles schlaff und die nötigen Räume entwickeln sich mangelhaft, die Atmung ist flach und die Körperhaltung ist entsprechend.

    Beispiel: Bei einer Progenie liegt immer die Zunge zu tief und damit fehlt dem Oberkiefer die nötige Kraftinduktion der Zunge und er wird sich nicht ausreichend entwickeln. Ist das Kind atonisch drückt sich das in einem unbefriedigenden Mittelgesicht aus. Ist die Zunge tonisch und drückt gegen den Unterkiefer entwickelt sich eine echte Progenie mit umgekehrter inzisaler Stufe. Bei einer aufwendigen Diagnostik wird sich das immer bestätigen, ohne Ausnahme. Man kann jeder Dysgnathie eindeutige tonische Muster zuordnen.

    Das Problem ist nicht die Diagnostik, sondern das Verständnis der Entwicklungsprozesse. Solange die Medizin das Genom als überwiegen bestimmend für Wachstum und Entwicklung betrachtet und nicht akzeptiert, dass Geneexpression Familienähnlichkeiten bestimmt, auf die man Einfluss nehmen kann, wird sich an diesem Dilemma nichts ändern. Denn auch MF-Therapeuten (Logopäden) werden in ihrer Ausbildung darauf konditioniert. Und bekommen einen Knoten im Hirn wenn sie empirischen Erfahrungen mit ihren theoretischen Prägungen abgleichen.

  3. Wo sind die Kommentare erfahrener Praktiker? Ich wollte eine Diskussion anstoßen.
    Der Beitrag von Frau Wille-Zydek zielt in die richtige Richtung. Nur welcher Mediziner erkennt das atonische Kind als Problem und überweist es zum MF-Therapeuten. Nur offensichtliche Auffälligkeiten wie viszerales Schlucken und sichtbare Mundatmer finden, wenn überhaupt viel zu spät, über Mediziner den Weg zum Therapeuten.
    Je früher eine Therapie beginnt umso größer sind die Erfolgsaussichten. Myofunktionelle Auffälligkeiten entwickeln sich im Alter zwischen drei und vier Jahren. Auch in der Logopädie wird zu spät begonnen.
    Das Hauptproblem fast aller Therapeuten (Körper und Psyche): „Warum halten die Patienten an ihren gewohnten Mustern und Verhaltensweisen so fest“. Antworten liefert da die Gehirnforschung (Bahnung von Mustern im Gehirn) und die Motivationsforschung. Klar ist dabei, je verfestigter die Bahnung (hat viel mit dem Faktor Zeit zu tun), desto schwerer lassen sich neue Muster antrainieren, d.h. die Anforderungen an die Motivation des Patienten übersteigen dann oft dessen Möglichkeiten. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel.
    Welcher Mediziner weiß, dass es nicht ausreichend ist, das Kind zum Logopäden zu schicken. In der MF-Therapie ist viel passiert und es braucht Therapeuten die sich weiter entwickelt haben um erfolgreich zu sein. Was ein Logopäde in der Ausbildung lernt, qualifiziert in mit Sicherheit nicht für diese anspruchsvolle Aufgabe. Eine brauchbare Diagnostik und Therapie, kann er nicht leisten.
    Es sind die Strukturen, sowohl in der Medizin als auch in der Logopädie, die einem Evidenznachweis in Diagnostik und Therapie im Wege stehen.

  4. In der Medizin, aber auch der Logopädie wird angenommen. tonische Muster im Mund sind reflektorisch.

    Das stimmt bedingt. Verläuft die Entwicklung störungsfrei entwickeln sich tonische Muster (Myofunktionen) regelgerecht und funktionieren weitgehend reflektorisch.

    Es ist aber eine Leistung die das Kind erbringen muss, ob es brauchbare Muster entwickelt entscheidet sich in einer sehr frühen Entwicklungsphase (drei bis vier Jahre), rein reflektorisch daran ist das Verschließen der Ventile und der Transport der Nahrung in den Magen. Haben sich Fehlfunktionen erst mal etabliert (Bahnung im Gehirn) bleiben sie erhalten, auch wenn man die Haltungsschwäche, also die Ursachen für ihr Zustandekommen, beseitigt.

    Hingegen wird sehr früh an den Störungen (Haltungsschwäche / mangelhafter Muskeltonus) gearbeitet bestehen gute Aussichten, dass sich brauchbare Myofunktionen entwickeln, also der Schaden nicht entsteht. Einen wesentlichen Faktor, die Psyche, mal ausgeklammert.

    Nach meinen Erfahrungen machen selbst gute MF-Therapeuten, die auch bewegungsunterstützte MFT betreiben, den Fehler zu glauben es reicht bei Kindern die Haltungsschwäche zu beseitigen und brauchbare Myofunktionen stellen sich spontan ein. Was naheliegend ist wenn man annimmt das Schluckmuster ist rein reflektorisch.
    Das ist aber nicht der Fall, auch da ist es notwendig mit den Kindern brauchbare Muster zu erarbeiten.

  5. Hingegen wird sehr früh an den Störungen (Haltungsschwäche / mangelhafter Muskeltonus) gearbeitet bestehen gute Aussichten, dass sich brauchbare Myofunktionen entwickeln, also der Schaden nicht entsteht. Einen wesentlichen Faktor, die Psyche, mal ausgeklammert.

    Frau Fuhlbrück (Leipzig) hat wunderschön mit Bildern dokumentiert wie sich die Arbeit an der Haltungsschwäche, bei sehr jungen Kindern, auf die Mund-Gesichtsmotorik auswirkt. Interessant dabei ist ihre Beobachtung, dass damit ein geistiger Entwicklungs-Schub verbunden ist. Das ist sehr beeindruckend und macht deutlich, dass Frühbehandlung beginnend beim Säugling von MF-Therapeuten angeboten werden sollte.

  6. Warum das so ist beantwortet die Gehirnforschung. Beim Neugeborenen ist das Gehirn nur eingeschränkt entwickelt. Das Kind muss ungestört Reize von außen aufnehmen können. Also seine natürliche Neugierde befriedigen können, für eine gesunde Gehirnentwicklung. Bei Kindern die ihre Gesichtsmimik nicht sortiert bekommen, ist dieser Reiz nur eingeschränkt zu befriedigen. Darunter leidet die Gehirnentwicklung.

  7. Warum die Logopädie so großen Wert auf die Zusammenarbeit mit der Kieferorthopädie legt ist mir ein Rätsel. Eine KFO die überwiegend eine Behandlung nach dem Zahnwechsel anstrebt, ist der schlechteste nur vorstellbare Partner für den Logopäden. Da sind Fehlfunktionen (MFS) bereits sehr verfestigt und eine Therapie extrem erschwert. Oft werden die Kinder mit Folterinstrumenten im Mund beglückt und die Arbeit des Logopäden erschöpft sich darin dem Kind zu helfen damit umzugehen. Dann stellt die DGKFO auch noch Forderungen an die Evidenz der Therapie die unter diesen Umständen fast nicht gelingen kann.
    Dazu kommt bei MFS sind die Zähne das geringste Problem. Das eigentliche Problem sind die knöchernen Strukturen die sich dadurch mangelhaft entwickeln. Warum schicken denn HNO-Ärzte Kinder zum Logopäden. Es entwickeln sich die hinteren Strukturen nur mangelhaft, wenn die Zunge zu tief, zu weit vorne und nicht ausreichend tonisch Schluckt. Wenn sie zudem Mundatmer mit inkompetentem Lippenschluss sind, ist die Katastrophe perfekt. Diese Kinder sind krank und wenn sie nach dem Zahnwechsel zum Kieferorthopäden gehen, sind sie anschließend kranke Kinder mit schönen Zähnen. Denn da ist das Wachstum nahezu abgeschlossen und das Skelettale Problem, der fehlenden Räume (mangelhafte Strukturen) für die Nasenatmung, bereits manifestiert.
    Die KFO belastet die Patienten mit einer GNE um einen zu kleinen Oberkiefer zu behandeln. Also eine Spreizung des Schädelknochens, was auch noch extrem Rezidiv anfällig ist. Das verbessert zwar etwas die hinteren Strukturen, löst aber das Problem nicht. Der Logopäde soll es dann richten, was nur unbefriedigend gelingen kann. Funktionelle Orthopädie, also rechtzeitige MF-Therapie lässt das Problem gar nicht erst entstehen. Das kann doch nicht befriedigend sein, nur Symptome zu lindern.

  8. Schon im zarten Alter von acht Jahren lässt sich ein sich abzeichnender Engstand der Zähne im Unterkiefer, also Platzmangel weil sich die Apikale-Basis nicht ausreichend entwickelt, nicht mehr restituierend beheben. Da ist bereits der Abstand der Eckzähne im Unterkiefer konstant. Sichtbar ist das durch den Durchbruch der Eckzähne und der ersten Prämolaren, der mit etwa neun Jahren abgeschlossen ist. Danach besteht keine Möglichkeit mehr, einer Nachentwicklung der apikalen Basis. Versäumt die Kieferorthopädie dieses enge Zeitfenster, ist ihre Therapie nur noch kompensatorisch. Im bleibenden Gebiss lassen sich bei der Behandlung der dentoalveolären Entwicklungshemmung im Unterkiefer Zahnextraktionen nur selten vermeiden.

    Bekommt der MF-Therapeut Kinder in diesem Alter (9 Jahre) vom Kieferorthopäden überwiesen, ist seine Arbeit / Therapie auch nur kompensatorisch und wird von den Nebenwirkungen der kieferorthopädischen Therapie enorm erschwert. Unter diesen Bedingungen kann man nicht mit ausreichend hoher Evidenz den Therapieerfolg messen. Auch die angewendeten Methoden kann man nicht auf ihre Wirksamkeit überprüfen, dafür sind die Irritationen für das Kind während der KFO-Behandlung zu groß.

    Die Logopäden sollten selbstbewusster gegenüber der Kieferorthopädie auftreten und eine Frühbehandlung mit Methoden und Geräten einfordern, die einem systemischen Abgleich mit funktionell orthopädischen Gesetzmäßigkeiten bei Wachstum und Entwicklung standhalten. Dann gelingen Studien mit hoher Evidenz. Nicht die Logopäden brauchen die Kieferorthopäden. Es sind die Kieferorthopäden die den Logopäden brauchen, um die Schäden die durch ihre „Mechanotherapie“ entstehen, zu verschleiern. Die KFO hat ein sehr viel größeres Evidenz-Problem als die Logopädie. Studien mit hoher Evidenz die ihre Methoden untermauern, kann sie nicht liefern, es gibt sie schlicht nicht. Es besteht kein Grund sich von der DGKFO einschüchtern zu lassen.

  9. Abschließend kann ich nur raten, sich auf eine frühe Behandlung zu konzentrieren, wenn es gelingen soll Evidenzen über die Therapiemethoden zu gewinnen. Am geeignetsten dafür ist der HNO-Arzt. Er merkt sehr schnell und eindeutig wenn sich Räume bilden die eine funktionierende Nasenatmung gewährleisten. Auch wird sichtbar wie sich brauchbare Myofunktionen und ein Kompetenter Lippenschluss auf die Problemfelder der HNO-Medizin auswirken. Vorausgesetzt der Therapeut ist erfolgreich.

    Dann braucht es nur noch einen schlagkräftigen Verband / Arbeitsgruppe der MF-Therapie zum Schwerpunkt hat. Der sich zum Ziel setzt den Einfluss myofunktioneller Primärfunktionen auf Wachstum und Entwicklung zu klären / zu untersuchen. Das ist doch die Basis jeglicher Logopädischer Arbeit. Darin sehe ich das größte Problem. Die Diagnostik nach Kittel ist zu stark durch die Kieferorthopädie und deren Sichtweise von Wachstum und Entwicklung beeinflusst. Dabei wird dem Genom ein zu großer Stellenwert eingeräumt und zu sehr die Zahnentwicklung betrachtet (Anmerkung: Das ist eine etwas simple Betrachtung, die aber den Vorteil hat, Fehler macht nicht die Zahnmedizin, sondern der „Liebe Gott“). Das verstellt den Blick bei Diagnostik und Therapie funktionell orthopädischer Einflüsse der dynamischen Gesichtsmuskulatur.

    Die anatomischen Strukturen müssen der Forderung des funktionellen Angepasst Seins in besonders hohem Maße entsprechen. Wichtigste Voraussetzung hierfür ist eine adäquate Größe und Form der Oralen-und Atmungsfunktionsräume. Es geht primär um die Entwicklung von Räumen und welche Rolle spielen dabei tonische Funktionsmuster, ob sich diese Räume regelgerecht entwickeln. Es ist naheliegend die Zeit des Aufbaus und der Reifung tonischer Funktionsmust als die kritische Entwicklungsphase im orofazialen Bereich zu betrachten und ihre Bedeutung für das Zustandekommen regelgerechter Beziehungen zwischen Funktion und Form zu untersuchen.

    Dann gewinnt man einen unverstellten Blick für die Diagnostik und geeigneter Therapien bei Fehlentwicklungen.

  10. Störungen der Gebiss Entwicklung sind eine Folge vom sich nicht regelgerecht entwickelnden Oralen-Funktionsraum.

    Der genauso wichtige Atmungsfunktionsraum wird, wenn man von Gebiss Entwicklung spricht, unterschlagen.

    Darin liegt der Fehler der Diagnostik nach Kittel, sie beschäftigt sich primär damit was mit Zähnen im mangelhaft entwickelten Oralen-Funktionsraum passiert und welche Rolle / Einfluss dabei tonische Funktionsmuster haben.

    Statt zu untersuchen warum sich mangelhafte Orale-und Atmungsfunktionsräume entwickeln und welchen Einfluss die dynamische Muskulatur daran hat.

    Was das für die Zahnentwicklung im Oralen Funktionsraum bedeutet ist eine sekundäre Fragestellung. Die Begrifflichkeit „Gebiss-Entwicklung“ verstellt den Blick aufs wesentliche.

    Die Kernaufgabe, restituierende Therapie, beginnt beim Säugling und endet weit bevor das Wachstum abgeschlossen ist. Danach ist die Arbeit des MF-Therapeuten nur noch kompensatorisch, aber nicht weniger wichtig und notwendig. Es braucht unbedingt diese Genauigkeit um einer Evidenz Basierten Diagnostik und Therapie näher zu kommen.

  11. Quellen:
    Am Intensivsten hat sich Prof. Dr. Rolf Fränkel (1908-2001)wissenschaftlich mit funktioneller Orthopädie beschäftigt. Seine theoretischen Arbeiten sind heute moderner als in der Zeit ihrer Entstehung. Er war seiner Zeit weit voraus und befand sich im Wiederspruch der damals herrschenden Meinung. Moderne Wissenschaft bestätigt ihn voll umfänglich. Nur die Zahnmedizin klammert sich an das damalige und längst überholte Denkmodell der Genomen Theorie genetischer Steuerung als Kontrollfaktor von Wachstum und Entwicklung.

    Auszüge der Aussagen von Prof. Dr. Rolf Fränkel

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die gestörte Physiologie des Raums in enger Wechselbeziehung zu funktionellen Abwegigkeiten der Muskulatur steht. Dabei kommt der Muskulatur als dynamischer gestaltungs-Faktor die Primäre Bedeutung zu. Das heißt unphysiologische Raumbedingungen sind ursächlich und überwiegend auf abwegige Haltefunktionen der dynamischen Gesichts-Muskulatur zurückzuführen.

    Umgekehrt lässt sich sagen, dass unphysiologische Raumbedingungen auf die Präsenz von Dysbalancen der Muskulatur schließen lassen (Anmerkung: Das ist gemeint, wenn ich empfehle die harten Strukturen (Gips-Modelle) bei der Diagnostik zu betrachten).

    Das bedeutet für die Diagnostik des funktionell Orthopädischen Therapeuten (MFT) den Erscheinungsbildern der gestörten Physiologie, ursächlich abwegige Funktionsmuster der fazialen Muskulatur zuzuordnen. Die sich in der kritischen Phase ihrer Ausbildung entwickeln (zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr).

    Die Aufgabe einer funktionell Orthopädischen Therapie besteht darin, abwegige muskuläre Funktionsmuster zu beheben. Das muss in der Lebensphase geschehen in der sich Orale-und Atmungsfunktionsräume entwickeln.

  12. Im vorgegebenen Rahmen dieser Hausarbeit kann eine umfassende Betrachtung des Ursachen- und Symptomenkomplexes einer MFS nicht geleistet werden, insofern wird sich im Folgenden darauf beschränkt, die Ursachen und Symptomenkomplexe der orofazialen Dysfunktionen „falsche Zungenruhelage“ sowie „falsches Schluckmuster“ näher zu beleuchten.

    In der Fleißarbeit von Frau Karola Tenhündfeld wird der Abschluss des Oralen Funktionsraums (kompetenter Lippenschluss) nicht mal erwähnt. Prof. Fränkel betrachtet Zungenfehlfunktionen als adaptiv, wenn durch Haltungsschwäche der Lippenmuskulatur der Mundraumabschluss fehlt.

    Seine Worte:
    Die Zunge ist ein sehr adaptives Organ. Sie passt sich veränderten morphologischen Situationen in Lage und Funktion an. Dieser Fakt sollte auch bei der ursächlichen Erklärung von Zungenfehlfunktionen berücksichtigt werden. So ist das sogenannte falsche Schlucken in den meisten Fällen als ein adaptiver Vorgang zu werten. Die Zunge kann nicht der primäre Kausalfaktor sein, wir glauben daher, dass im multifaktoriellen Kausalgeschehen, der Haltungsschwäche in der Lippenregion die vorrangige Bedeutung zukommt. Unsere Studien lassen den Schluss zu, dass sich Aushilfsfunktionen der Zunge spontan zurückbilden, wenn die Haltungsschwäche der Lippen überwunden werden kann.
    Der Abschluss des Oralen Funktionsraums ist daher eine unerlässliche Aufgabe funktionell orthopädischer Gymnastik (Therapie) Nur so werden in den Oralen-und Atemfunktionsräumen Bedingungen hergestellt die für die Stabilität regelgerechter Anpassung morphologischer Strukturen entscheidend sind.

    Haltung und Lage der Lippen spiegeln den Zustand der Haltemechanismen der gesamten Gesichtsmuskulatur. Herr Fränkel geht sogar soweit, dass durch einen dynamisch ausbalancierten Gleichgewichtszustand der Lippen, eine geglückte kieferorthopädische Behandlung gekennzeichnet ist.

  13. Das adaptive Verhalten der Zunge wird in der Ätiologie der Rolle der Zunge bei Wachstum und Entwicklung sichtbar.

    Schon beim Säugling übt die Zunge eine Aushilfsfunktion aus. Allein durch ihre Größe gewährleistet sie den Abschluss des Mundraums. Die Lippen des Säuglings sind inaktiv und werden nicht selten offen gehalten. In dieser Entwicklungsperiode ist das nicht als Fehlhaltung zu werten.

    Durch das Längenwachstum der Halswirbelsäule und des aufsteigenden Unterkieferasts sowie der Biss öffnenden Wirkung der durchbrechenden Zähne kommt es zu einer Vergrößerung des Mundraums. Die Zunge kann nicht mehr den Mundraumabschluss herstellen. Das macht die Ausbildung von Haltefunktionen der Zungenmuskulatur im mittleren und vorderen Bereich erforderlich. Bei der innigen Verflechtung der orofazialen Muskulatur ist damit auch eine Anpassung der Muskeln des Mundbodens und aller Gesichtsweichteile vergesellschaftet.

    Das erfordert im Lippenbereich die Ausbildung regelgerechter Funktionsmuster, die den Oralen Funktionsraum abschließen (Lippenschluss).

    Die Zunge muss sich adaptiv der Entwicklung anpassen, sie hat in ihrer Funktion unterschiedliche Rollen innerhalb dieser Prozesse.

  14. Das ist diagnostisch von allergrößter Relevanz. Wird der Fokus zu stark auf die Zunge gerichtet und der tendenziell inkompetente Lippenschluss übersehen, führt das zu Fehldiagnosen. Die Zunge fällt zu oft in ihre Aushilfsfunktion zurück, wobei sie versucht den fehlenden Mundschluss zu kompensieren.

    Das ist mir schon oft passiert wenn ich Erwachsene Myoarthropathie Patienten zum Logopäden (MFT) geschickt habe. Sogar bei tendenziell frontal offenem Biss, also eindeutigem Hinweis der harten Strukturen, dass zu weit vorne geschluckt wird und die zirkulären Muskeln der Lippen ihre Haltefunktion nur unbefriedigend erfüllen. Wurden die Patienten, mit der Diagnose sie hätten keine myofunktionellen Auffälligkeiten, nach Hause geschickt. Damit ist das Vertrauen der Patienten dahin, dass kausal fehlgeleitete Myofunktionen eine große Rolle spielen.

    Das ist durch Studien (das Phänomen nicht die Ursache) belegt, siehe Frau Tenhündfeld.

    Studien zum Evidenznachweis der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel

    Aufgrund des bisher fehlenden Evidenznachweises führten Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) eine Untersuchung zur Validität und Reliabilität der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (2008) durch. Hierbei wurden 52 Probanden in zwei Fachpraxen für MFT mit der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (Zungenruhelage, Zungenlage beim Schlucken) von jeweils drei Logopädinnen getestet. Die Ergebnisse der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel ergaben unterschiedlich hohe Werte der Interrater-Reliabilität (in einer Fachpraxis waren sie befriedigend, in der anderen weitgehend unzureichend). Als Fazit stellen die Autoren fest, dass die Reliabilität und Validität der logopädischen Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel zum Zeitpunkt der Studie nicht dargestellt werden und auch nicht als angenommen gelten kann.

  15. Auf Grund langjähriger Erfahrungen glaube ich, dass die Realisierung funktionell orthopädischer Gymnastik im orofazialen Bereich nur möglich ist, wenn man sich eingehend mit den Gesetzmäßigkeiten von Wachstum und Entwicklung in dieser Region (und den angrenzenden Strukturen) befasst hat. Die theoretisch wissenschaftlichen Arbeiten von Prof. Fränkel sind als notwendiger integraler Bestandteil zu betrachten, um erfolgreich Diagnostisch und Therapeutisch funktionelle Orthopädie (MFT) betreiben zu können.

    Damit kann man systemisch ohne logische Brüche nahezu jedes Phänomen (Störungen der Entwicklung) das dem Therapeuten in der Praxis begegnet erklären. Empirische Erfahrungen des Therapeuten gewinnen Konturen und lassen sich wunderbar logisch einordnen. Liest man die Veröffentlichungen von Frau Codoni und Frau Fuhlbrück, um zwei Leuchttürme moderner MFT zu nennen, mit diesem theoretischen Hintergrund, werden die Texte und durch Bilder dargestellten Beispiele ihrer empirischen Erfahrungen auch theoretisch erklärbar.

    Hingegen bei Frau Kittel wird sehr deutlich, dass dieses Hintergrundwissen nicht ausreichend vorhanden ist. Sie kollidiert in zufielen Punkten mit Wachstums-Gesetzmäßigkeiten.

    Auch die Zahnmedizin (DGKFO) muss sich und ihren Methoden gefallen lassen, einem systemischen Abgleich damit, nicht stand zu halten. Das extremste Beispiel dafür ist die Delaire-Maske (wer sie nicht kennt, Googeln / Bilder).

    Da werden Gummizüge eingehängt um den Oberkiefer nach vorne zu entwickeln. Meistens ist dabei eine GNE eingebaut, an der die Gummizüge befestigt werden. Sie kann Knochen-oder Zahngetragen sein. Das macht man bei sehr ausgeprägten Mängeln des Mittelgesichts (viel zu kleiner Oberkiefer in allen Ebenen / Wachstums-Hemmung). Ursächlich dafür ist eine atonische Zunge die zu tief schluckt / zu große Spannung der zirkulären Lippenmuskulatur kann den Effekt verstärken. Durch die Gummizüge wird das Kind zum Zwangs-Mundatmer, da der Lippenschluss damit sehr erschwert / unmöglich wird. Die Zunge nach oben zu erziehen ist auch nicht möglich, weil der Gaumen mit der GNE gefüllt ist. Im Gegenteil sie hat nur unten Platz und das Habit wird sich dadurch weiter verschlechtern.

    Funktionell orthopädisch betrachtet kann man darüber nur den Kopf schütteln. Ein Rezidiv ist da sozusagen programmiert und das Kind muss mit größeren Einschränkungen als vor der Behandlung leben.

  16. Nachdem ich jetzt erschöpfend die Strukturellen Ursachen in der (Zahn) Medizin und Logopädie aus meiner Sicht (von Prof. Fränkel geprägt) kommentiert habe, die einer Evidenz basierten Diagnostik und Therapie im Wege stehen, möchte ich nochmal die politische Dimension die darin schlummert herausheben.

    Hilfreich ist dafür die Frage die ein befreundeter Zahnarzt dazu gestellt hat.

    „Etwas will mir nicht in den Kopf gehen: Diese Menschen sprechen von „Störungen“. Wie kann die Rede von Störungen sein, wenn laut den einschlägigen Studien 90% der Kinder davon befallen sind? Oder anders: Was muss mit den Kindern passieren, dass sie fast alle betroffen sind? Die Frage könnte doch eine ganz andere sein: Welche Modulationen der funktionellen Matrix bewirken so etwas? Das wäre dann mal eine saubere Diskussion.“

    Und meine Antwort darauf:
    Du solltest versuchen meine Kommentare auch „politisch“ zu verstehen und auf Details achten. Genau von diesen Modulationen der funktionellen Matrix spreche ich doch, ohne sie beim Namen zu nennen. Ich beschreibe die Gründe warum sie keine Beachtung finden. Im Letzten Kommentar habe ich bewusst davon gesprochen, worauf man den Blick richten sollte um diese Modulationen zu verstehen. Ich habe von Untersuchen gesprochen, es ahnen bereits viele, zur Erkenntnis ist es nur ein kleiner Schritt. Das wird aber nur geschehen, wenn es gelingt den großen Einfluss der Zahnmedizin zu verringern.

    Bei sehr frühen Behandlungen ist der Kieferorthopäde außen vor, da ist wenn überhaupt der Zahnarzt gefragt. Frau Kittel spiegelt das Verständnis von Wachstum und Entwicklung der Kieferorthopädie und diese hat funktionell orthopädische Frühbehandlung weitgehend aufgegeben.

    Bewusst oder unbewusst merken viele Logopäden schon, dass da was nicht stimmt. Es sind kleine Details die die Fleißarbeit von Frau Tenhündfeld interessant machen. Zum Beispiel wird sichtbar, dass Kittel durchaus kritisch gesehen wird.

    Darum habe ich davon gesprochen sie sollen sich weitgehend von der Kieferorthopädie emanzipieren und sich HNO-Ärzten zuwenden. Die interessieren sich wenig für die Zahnentwicklung, da steht funktionelle Orthopädie im Vordergrund. Auch da ist Frau Tenhündfeld interessant, HNO-Ärzte gehören zu den häufigsten Überweisern und viele Therapeuten würden gerne früher mit der Behandlung beginnen.

    Bildlich gesprochen stehen HNO-Ärzte für die funktionelle Matrix, denn sie leiden unter dem „falschen“ Verständnis von Wachstum und Entwicklung der Zahnmedizin, ihre Problemfelder sind mechanisch nicht befriedigend lösbar und nach dem Zahnwechsel bereits fest manifestiert.

    HNO-Ärzte „sollten“ ein natürliches Interesse an Frühbehandlung haben.

  17. Gelingt den Logopäden der Nachweis Restituierender Therapie, also der enorme Einfluss myofunktioneller Primärfunktionen auf Wachstum und Entwicklung, hätte das große Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und käme einer Revolution gleich. Das hätte Weltweit Auswirkungen, das Wachstum läuft in der gesamten zivilisierten Welt völlig aus dem Ruder.

    Das erfordert eine Frühbehandlung beginnend beim Säugling. Der Schwerpunkt wäre das Alter zwischen vier -und sieben Jahren. Ab der Schulreife kann man gezielt an brauchbaren tonischen Mustern arbeiten, vorher ist es eher eine bewegungsunterstützende Therapie (Haltungsschwäche / mangelhafter Muskeltonus / Atmung). Den Lippenschluss, also den Abschluss des oralen Funktionsraums kann man bereits bei sehr kleinen Kindern unterstützen, dafür braucht es keine Schulreife.

    Dabei wird sich zeigen, dass bewegungsunterstützende Therapie (Vorbehandlung) großen Einfluss auf die Qualität der myofunktionellen Primärfunktionen hat.

    Vernetzen sich die MF-Therapeuten und dokumentieren ihre Erfolge, entspricht das einer Studie mit sehr hoher Evidenz. Allein durch die große Zahl die dadurch ermöglicht wird. Dabei genügt es eindeutige Tendenzen Nachzuweisen, das zwingt die Wissenschaft zu einer Reaktion. Das ist realistisch und mit vertretbarem Aufwand zu leisten.

  18. Mathilde Furtenbach sagt am 29. Aug 2017

    Mit großem Interesse habe ich Ihren Blog überflogen. Als Logopädin und MFTherapeutin der ersten Stunde und als Fan von Fränkel & Fränkel und Proffit meine ich, dass in der ganzen Diskussion übersehen wird, dass die Zungenfehlfunktion ein untergeordnetes MFT-Thema ist. Eine richtige Zungenfunktion ist nur möglich, wenn im Mundraum Unterdruck herrscht (Fränkel), weil nur dann die Zunge in der Lage ist, sich mit Hilfe des Speichels an den Gaumen anzuhaften und zu bleiben. Und die Voraussetzung für den Unterdruck schafft der komplette Lippenkontakt. Über diese Themen haben ich mit einer Kollegin ein Buch herausgegeben, in dem ich sehr ausführlich darüber schreibe. Vielleicht können Sie dieses Buch lesen: Furtenbach M, Adamer I: Myofunktionelle Therapie kompakt II – Diagnostik und Therapie. Präsens Verlag, Wien 2016. Sie werden hier viele Antworten auf Fragen finden, aber auch viel anderes. Aus Zeitmangel kann ich derzeit nicht mehr dazu schreiben.

  19. Liebe Frau Furtenbach,
    übersehen wurde das nicht, dass Zungenfehlfunktionen ein untergeordnetes MFT-Thema ist. Ich bin sehr ausführlich auf die Problematik eingegangen, dass der Abschluss des Oralen-Funktionsraum (Lippenschluss) von großer Bedeutung ist. Machen sie sich die Mühe den Text nicht nur zu überfliegen.

  20. Besser formuliert, Zungenfehlfunktionen sind ein nachrangiges Thema.

    Angebahnt wird ein brauchbares Schluckmuster durch Haltefunktionen der Lippenmuskulatur (Lippenschluss). Trotzdem spielt die Zunge bei Wachstum und Entwicklung eine sehr große Rolle und verdient unbedingt die Aufmerksamkeit des Therapeuten. Wenn sie nicht ausreichend tonisch ist und zu weit vorne den Schluckvorgang beginnt läuft trotzdem die Entwicklung aus dem Ruder, obwohl vordergründig ein brauchbares Schluckmuster vorhanden ist. Der Schluckvorgang ist dann eben nur vermeintlich regelgerecht. Es ist aber problemlos an den harten Strukturen sichtbar, ob an der Zunge gearbeitet werden muss. Schon bei einem sechs Jährigen Kind kann man sehr genau, wenn man die Modelle betrachtet, ursächlich abwegige Funktionsmuster der fazialen Muskulatur zuzuordnen, die die sichtbaren Mängel zu verantworten haben und häufig ist die Zunge der Übeltäter.

    Auf die Genauigkeit der Diagnostik kann nicht verzichtet werden.

  21. Off Topic:

    Frau Mathilde Furtenbach hat sich als Logopädin und MF-Therapeutin der ersten Stunde und als Fan von Fränkel & Fränkel geoutet.

    An Prof. Dr. Fränkel ist nicht alles gut. Die theoretisch wissenschaftlichen Arbeiten zu Wachstum und Entwicklung sind eine Offenbarung und nach wie vor gültig. Aber sein Anspruch damit die funktionell orthopädische, Geräte unterstützte Frühbehandlung zu Verbessern ist gescheitert.

    Die klinische Umsetzung, also bei der Konstruktion eines brauchbaren Geräts das diesen Ansprüchen gerecht wird, dabei ist Fränkel auf Grund seines hohen Alters, über erste Versuche nicht hinausgekommen. Seine damaligen Geräte (Funktionsregler) waren in vielen Punkten mangelhaft und im deutlichen Wiederspruch von ihm selbst formulierten Ansprüchen an so ein Gerät.

    „Der Charakter eines kieferorthopädischen Geräts, mit dem das Problem einer funktionellen Orthopädie gelöst werden kann, muss der Arbeitsweise eines Übungs-und Trainingsgeräts entsprechen. Nur so können funktionelle Abwegigkeiten korrigiert und kann dem Prinzip einer funktionellen Orthopädie, wie es von Roux formuliert wurde, entsprochen werden.“

    Als Fränkel wie ein Superstar auf der ganzen Welt seine Vorträge hielt und ein enormer Hipe um ihn entbrannte (besonders in Amerika), war er längst nicht mehr klinisch tätig.

    Die klinische Umsetzung lag in den Händen von Christine Fränkel, sie leitete damals das Institut in Zwickau. Sie hielt unreflektiert an den Mangelhaften Geräten fest. Das von ihr zu verantwortende Buch „Technik und Handhabung der Funktionsregler“ ist so schlecht, dass die von mir formulierte Kritik daran fast noch zu milde ausfällt.

    Die mechanisch denkenden Orthodonten, seines eigenen Instituts, waren nicht in der Lage den notwendigen abstrakten Denkschritt zu vollziehen. Sie haben aus einem orthopädisch wirkenden Gerät ein ganz normales mechanisches FKO-Gerät gemacht, das sich nur dadurch, dass sich seine Kunststoffanteile im Mundvorhof befinden, vom Aktivator oder Bionator usw. unterscheidet. Mit der fatalen Konsequenz, dass man unphysiologische FKO-Geräte bis heute verwendet. Obwohl Fränkel, wissenschaftlich sauber und eindeutig, schon vor über fünfzig Jahren nachgewiesen hat, dass sie als funktionelle Geräte weitgehend unbrauchbar sind.

    Sie hat damit wesentlich zum Scheitern der Gedanken von Prof. Fränkel, beigetragen. Dass damit die Kieferorthopädie die Frühbehandlung komplett beerdigt ist ihr allerdings nicht vorzuwerfen.

    Prof. Dr. McNamara in Amerika hat wenigstens einige der eklatantesten Mängel der Gerätekonstruktion und deren Handhabung korrigiert, was das Konzept aber auch nicht retten konnte.

  22. Entschuldigung Frau Dr. Christine Fränkel, aber um der Sache Willen musste das so deutlich gesagt werden, auch wenn es schmerzhaft für sie ist. Wenn ein durch und durch logisches Konzept scheitert, muss es dafür handfeste Gründe geben und ich glaube sie gefunden zu haben.

    • Mathilde Furtenbach sagt am 31. Aug 2017

      Ich bin Logopädin und Myofunktionstherapeutin. Und als solche haben mich die funktionellen Themen, besonders über die Atmung/Mundschluss und Unterdruck interessiert und weitergebracht. KFO-Geräte verwende ich nicht und bin auch der Meinung, dass sie im Allgemeinen nicht funktionelle Probleme wie den habituellen Lippenkontakt lösen können.
      Das war meine Spur, der ich gefolgt bin und die mich überzeugt hat. Wir wissen alle aus der MF-Literatur, dass Nasenatmung und Mundschluss wichtig sind, und trotzdem spricht man in der Kieferorthopädie (die Zunge ist der größte Feind des KFO) wie auch in der Logopädie vorrangig vom Schlucktraining etc, wie es D. Garliner in den 80er-Jahren in Europa dankenswerter Weise verbreitet hat. (MFT) Therapieabbrüche bzw. Nicht-Erfolge sehe ich im veralteten Ansatz, mit der Übung Ruhelage der Zunge zu beginnen und das Schluckmuster vorrangig zu trainieren (siehe Garliner-Programm). Auch die Ausbildung von Logopäden hinkt da noch nach. Leider wurde nach der Auflösung des MF Arbeitskreise (1992?) der interdisziplinäre Dialog in keiner Weise weitegeführt und die Auswirkungen spüren nun.
      Ich spreche vom breiten Trend und weiß, dass es auch sehr gute MF Therapeuten gibt, die auch mit KFOs zusammenarbeiten. Ohne Zusammenarbeit mit den KFOs in meinem Land (Tirol/Österreich) hätte mich die Praxis der MFT auch nicht wirklich interessiert.
      Die MFT braucht einerseits eine intradisziplinäre Diskussion (die oralen Funktionen sind auch bei jeglicher Art von Sprech-und Sprachstörung anwesend und sollten diagnostiziert werden können) und anderseits eine interdisziplinäre – beides ist nur ansatzweise und vereinzelt irgendwo vorhanden.

      • Liebe Frau Furtenbach,
        was sagen sie zum wünschenswerten Beginn einer Therapie? Was halten sie von Frühbehandlung? Um die von ihnen gut erkannten Strukturellen Mängel (Logopädie) geht es hier doch, ich habe den Blickwinkel nur etwas erweitert. Nicht fatalistisch, sondern optimistisch die Kräfte bündeln um die Mängel abzustellen.

        Man kann meine Ausführungen auch als Plädoyer zur Frühbehandlung lesen. Also welchen Beitrag kann MFT zur Entwicklung gesunder Kinder beitragen. Nach dem Zahnwechsel sind die Einschränkungen (fehlende Räume) bereits irreversibel manifestiert und die Arbeit des Therapeuten erschöpft sich darin dem Kind zu helfen mit seinen Einschränkungen zu leben.

        Ein kompetenter Lippenschluss sorgt automatisch, für die zur Entwicklung nötigen Druckverhältnisse (Pneumatisation), im Oralen-und Atemfunktionsraum. Der dabei entstehende Unterdruck (von konstant etwa 10 Pond, also sehr klein) im Oralen Funktionsraum ist als biomechanische Induktion zu werten und für die Entstehung eines harmonischen dentoalveolären Bogens essentiell. Für die Zungenlage sind es eher Adhäsionskräfte die sie ohne Kraftaufwendung am Platz halten. Dafür muss sie sich flächig im hohen Gaumen aufhalten damit diese Kräfte ausreichend wirksam sind.

        Für die Atemwege sind die Druckverhältnisse dadurch anders gelagert, beim Einatmen besteht Unterdruck und beim Ausatmen Überdruck. Der dadurch entstehende Massage-Effekt und die regelmäßige Durchspülung mit Luft sorgen für gesunde und offene Atemwege. Ohne kompetenten Lippenschluss landet man über kurz oder lang beim HNO-Arzt. Nicht nur wegen Sinusitis, sonder auch weil sich die nötigen Atemfunktionsräume nur unzureichend entwickelt haben. Die Unterkiefer Haltemuskulatur ist dabei auch nur unzureichend kräftig und das macht sich durch Schnarchen (Schlafapnoe) bemerkbar.

        • Mathilde Furtenbach sagt am 1. Sep 2017

          Versuch einiger Antworten:
          Frühbehandlung: In unserer MFT setzt sie mit der Empfehlung des Brustsaugens ein und Vermeiden von Fehlfunktionen durch Ermöglichung einer physiologischen Entwicklung , die in MFT I ausführlich beschrieben sind. (=Primärprävention)
          In der Sekundärprävention geht es bei uns um Schadensbegrenzung = Abgewöhnen von Lutschhabits bzw. den vernünftigen Gebrauch des Schnullers.
          Und alles andere ist bei uns MFT (mit allen Möglichkeiten, die gegeben sind).
          Ihre KFO Aspekte der Frühbehandlung teile ich vollkommen, mir bleibt aber nur die Aufgabe als MF-Therapeutin/Logopädin zu arbeiten. Faktum: Kleine Kinder finden immer seltener KFOs für eine Frühbehandlung. Da spielen viele Trends mit.
          Deshalb meine Bemerkungen, dass wir mit KFO dringend zusammenarbeiten müssen!
          Lippenkontakt: das sehe ich alles so, wie es schreiben: Nur die adhäsiven Kräfte allein, bringen ein kurzes Halten der Zunge in der richtigen Position zusammen,
          aber nicht eine habituelle Zungenruhelage. Und das dürfte ein wesentlicher
          Unterschied in unserer Auffassung bezüglich Vorgehen in der Therapie sein.
          Unterdruck/Donders´sche Räume: Sie beschreiben das sehr schön! Wir haben darüber ein ganzes Kapitel in MFT II zusammen gestellt, weil das die Grundlage unserer Arbeit ist. Es ist zwar ein Faktum, das in den letzten Jahrzehnten immer wieder erwähnt wurde, das aber in den Therapien zu wenig bis keine Beachtung findet, vielleicht weil es nicht so einfach ist, wie ein programm-orientiertes Vorgehen nach Garliner?
          Das ganze Thema der OMH gab es ja um 1980 noch nicht, im Programm sind zwei Lippenübungen vorgesehen. Natürlich steht im Text einiges!
          Die habituelle Ruhelage der Zunge mit Lippenkontakt muss bei HOMH (habituelle offene Mundhaltung) gründlich vorbereitet werden, es müssen erst Voraussetzungen geschaffen werden. Wir lernen ja auch eine physiologische Körperhaltung nicht, indem wir uns täglich 5min bis zu einer Stunde hinstellen.

          • Liebe Frau Furtenbach,
            praktizieren sie noch? Ich habe auch Patienten aus Österreich. Das gefällt mir sehr gut, was sie unter einer sinnvollen Therapie verstehen.

            Ich beziehe mich auf Prof. Fränkel und Erfahrungen aus der Kieferorthopädie (dreißig Jahre) und aktuell meiner Arbeit mit Myoarthropathie (CMD) Patienten.

            Die wissenschaftlichen Arbeiten von Prof. Fränkel sind keine Anleitungen für Therapeuten, sondern versuchen plausibel Wachstum in orthopädischen Zusammenhängen (Roux / Entwicklungsbiologe) zu erklären.

            Für den Therapeuten ergibt sich die Möglichkeit sein Handeln damit abzugleichen. Am Beispiel von Frau Kittel habe ich das abgearbeitet, dass ein Abgleich ihre Fehler sichtbar macht. Wenn ich es richtig verstehe geht es doch um Maßstäbe die vergleichbar sind um Evidenzen über Therapien zu gewinnen. Wie konkret eine Therapie umgesetzt wird, davon habe ich nicht gesprochen. Das ist auch nicht meine Expertise.

            Logopädie war für mich notgedrungen ein Lernprozess. Um rauszukriegen warum bei manchen Patienten Wunder passierten und bei anderen sich der Besuch beim MF-Therapeuten als Zeitverschwendung herausstellte. Dass alleine ein Kurs bei Kittel nicht ausreicht habe ich sehr schnell kapiert. Frau Codoni, Frau Fühlbrück und Frau Ruth Bernard-Leick, aus Trier halte ich für sehr gute Therapeuten und sie sind aktuell mein Maßstab. Bei Frau Codoni und Frau Fuhlbrück habe ich Seminare besucht.

      • Die MFT braucht einerseits eine intradisziplinäre Diskussion (die oralen Funktionen sind auch bei jeglicher Art von Sprech-und Sprachstörung anwesend und sollten diagnostiziert werden können) und anderseits eine interdisziplinäre – beides ist nur ansatzweise und vereinzelt irgendwo vorhanden.

        Dazu ein schönes Beispiel:
        Eine Erwachsene wurde kombiniert chirurgisch-kieferorthopädisch behandelt (Klasse II / OK-Frontzähne aufgefächert). Die kausal ursächlichen tonischen Ursachen MFS wurden weder Vor-noch Nachbehandelt (Interdisziplinäre Problematik)

        Nach der OP hat sie einen Sigmatismus entwickelt der Logopädisch behandelt wurde. Dabei wurde nicht die zu tonische Zungenspitze (falscher Druckpunkt beim einleiten des Schluckvorgangs) behandelt, also MF-Störungen. Mit ihr wurde eine Technik erarbeitet mit der man auch mit zu tonischer Zungenspitze ein „S“ ohne Zischlaute bilden kann (Intradisziplinäre Problematik). Ihre orthopädischen Probleme wurden durch die gesamte Behandlung natürlich nicht verbessert.

  23. Christine Wille-Zydek sagt am 6. Sep 2017

    Hallo,
    wie ich schon geschrieben hatte, arbeite ich ganzheitlich-ich bin u.a. Logopädin und Motopädin… ich arbeite über die Körperspannung, das Gleichgewicht, der sensomotorischen und oralen Wahrnehmung. Natürlich nutze ich auch die klassischen Materialien wie Mundmotorikkarten, Saug- bzw. Blasübungen und nutze auch Eis- oder Vibrationsstimulie über die Gesichtsmuskulatur-je nachdem, was der Patient braucht. Ich denke, dass es nicht „DIE“ Therapie mit „DEM“ Ansatz gibt und bin dankbar und froh, dass ich ganzheitlich arbeiten darf und kann. Wir bekommen öfter Kinder zwischen 2-4 Jahren mit MFS, gemischt vom HNO, KFO oder Kia überwiesen, wobei- wir arbeiten mit den KFO´s am häufigsten zusammen, da diese mir auch Unterstützung bzgl. Schnuller und Co durch Ersetzen mit der MVP-K/MVP-Z zukommen lassen können, wenn wir diese dann brauchen.
    Das Thema an sich ist sehr interessant, aber ich habe auch den Eindruck, dass jeder sein eigenes „Süppchen“ kocht. Ich fände es auch schöner, wenn sich mehr „Kollegen“ austauschen und zusammen arbeiten würden – im Sinne der vielen Patienten.

  24. Funktionelle Orthopädie (MFT) richtig verstanden hat die Aufgabe muskuläre Störungen zu beheben oder abzumildern, um einer natürlichen harmonischen Entwicklung den Weg zu ebnen (Wilhelm Roux). Das setzt eine genaue Kenntnis der Entwicklungsprozesse voraus und ist nur restituierend wenn Fehlentwicklungen rechtzeitig, also beginnend beim Säugling erkannt und korrigiert werden.

    Fränkel hat Entwicklungsbiologische Grundlagen-Forschung betrieben und das ist die Basis an der sich funktionelle Orthopädie orientieren sollte. Es macht keinen Unterschied ob man diese Gesetzmäßigkeiten kieferorthopädisch nutzbar machen möchte oder als Therapeut arbeitet.

    Darin sehe ich das notwendige wissenschaftliche Fundament jeglicher funktionell orthopädischer Arbeit. Und Voraussetzung um Evidenzen bei Diagnostik und Therapie der MFT zu gewinnen. Wenn 90% der Therapeuten nach Kittel arbeiten, ein mehr als notwendiger Schritt, denn die Wiedersprüche dazu sind mehr als offensichtlich. Es ist sehr eindeutig, dass Kittel und damit 90% der Therapeuten große Fehler machen.

  25. Norbert Vogel sagt am 16. Sep 2017

    Ich gehe seit ein paar Jahren der Frage nach, warum bei manchen die Therapie gut funktioniert und bei anderen praktisch nichts passiert. Ich besuche Seminare und Fortbildungen der unterschiedlichsten Schulen. Und langsam kristallisiert es sich heraus worauf es bei einer erfolgreichen Diagnostik und Therapie bei Erwachsenen / Kindern ankommt. Das wunderbare Buch von Frau Furtenbach war der entscheidende Baustein zu meinem Verständnis.

    Furtenbach M, Adamer I: Myofunktionelle Therapie kompakt II – Diagnostik und Therapie. Präsens Verlag, Wien 2016.

    Liest man auch den ersten Band wird deutlich, dass schon die Stillberater wichtige Weichen für die weitere Entwicklung stellen. Der Vorrang des Saugbedürfnisses und sein künstliches Aufrechterhalten durch den Schnuller verhindern / Verzögern den biologisch notwendigen Entwicklungsschritt den der Säugling braucht um entwicklungsgerecht Haltefunktionen im Lippenbereich zu erlernen. Der erste Schritt um sich auf feste Nahrung vorzubereiten.

    Wird ein Schnuller verwendet, soll er wie ein Medikament verwendet werden. Also mit einem Bewusstsein dafür, dass seine Vorteile mit unerwünschten Nebenwirkungen erkauft werden.

    Ich möchte allen interessiert MF-Therapeuten ihre Bücher dringend empfehlen.

    Frau Miehlke, die Therapeutin mit der ich vor Ort zusammen arbeite, macht diese Entwicklung praktisch mit (sie begleitet mich zu den Seminaren) und passt ihre Therapie neuen Erkenntnissen an. Es ist ja nicht alles falsch was Kittel macht. Im Wesentlichen geht es um das Verständnis der Wachstumszusammenhänge, beginnend beim Säugling und welche Rolle dabei tonische Funktionsmuster einnehmen. Ohne grundlegendes Verständnis macht man methodische Fehler. Bei Kittel geht es um die Reihenfolge, bei ihr liegt der Schwerpunkt (Diagnostisch und Therapeutisch) auf der Umerziehung der Zunge. Das funktioniert nur wenn zuerst am Lippenschluss gearbeitet wird. Nur mit kompetentem Lippenschluss erlauben die Druckverhältnisse im Mund eine brauchbare Zungenfunktion.

    Aktueller Wissensstand ist, erst über den Lippenschluss ein besseres Schluckmuster anbahnen, dann kann man erfolgreich an der Zunge arbeiten. Macht man das in umgekehrter Reihenfolge ist ein Scheitern der Therapie garantiert und eine Zirkusnummer.

    Dabei ist es oft notwendig Blockaden in angrenzenden Strukturen zu lösen (Körperhaltung), das macht Osteopathisch geschulte MF-Therapeuten so erfolgreich. Gute Therapeuten haben viele Einflüsse und destillieren daraus ihre Therapie. Trotzdem ist die Person (Therapeut) wichtiger als die Einflüsse die ihn prägen. Ist er ein guter Beobachter und lernt empirisch an seiner Arbeit kann dabei auch ein sehr guter Therapeut herauskommen. Also es spielen viele Faktoren eine Rolle. Vorsicht ist immer geboten wenn der Therapeut nur eine Quelle nennt. Zum Beispiel ich therapiere nach Kittel oder von mir aus nach Padovan. Das funktioniert in der Regel nicht, diese Leute denken zu eng. Wie erschwert die Problemstellung ist illustriert der folgende Text:

    Das Hauptproblem fast aller Therapeuten (Körper und Psyche): „Warum halten die Patienten an ihren gewohnten Mustern und Verhaltensweisen so fest“. Antworten liefert da die Gehirnforschung (Bahnung von Mustern im Gehirn) und die Motivationsforschung. Klar ist dabei, je verfestigter die Bahnung (hat viel mit dem Faktor Zeit zu tun), desto schwerer lassen sich neue Muster antrainieren, d.h. die Anforderungen an die Motivation des Patienten übersteigen dann oft dessen Möglichkeiten. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel.

    Das kann man nicht oft genug wiederholen und man sollte daraus lernen, dass man Bahnungen fehlerhafter tonischer Muster rechtzeitig verhindern sollte. Das geht nur mit Frühbehandlung und der genauen Kenntnis biologischer Entwicklungsschritte. Andernfalls sind methodische Fehler programmiert und der Therapeut macht sich das Leben unnötig schwer weil Therapieerfolge ausbleiben.

  26. Norbert Vogel sagt am 29. Sep 2017

    Vielleicht hilft Medizingeschichte das beredte Schweigen in diesem Blog zu beenden. Es haben ja fast 800 Therapeuten den „Newsletter“ abonniert. Reagiert haben zwei. Man braucht geschichtliches Verständnis um die Gegenwart zu verstehen.

    Prof. Fränkel im Kontext seiner Zeit:
    Fränkel hat in den frühen 60iger Jahren sein Konzept entwickelt. Etwa zeitgleich wurde in Polen „myofunktionelle Therapie“ entwickelt. Besser damit experimentiert, sie entwickelt sich ja bis heute weiter. In Deutschland gab es keine ausgebildeten Therapeuten. In Polen wurde (etwa 1960) eine Studie mit hoher Evidenz gemacht. Eine sehr große Gruppe von Kindern wurde von geschulten (Eltern / Kindergärtner(innen) / und Lehrern) myofunktionell unterstützt. Es gab eine gleich große Kontrollgruppe ohne Unterstützung. Die Ergebnisse waren sehr überzeugend obwohl dabei nur der Mundschluss unterstützt wurde. Die Studie ist vergessen und folgenlos geblieben.

    Das was Frau Furtenbach mit ihren Bahnbrechenden Büchern der Logopädie mitteilen will, ist also nicht wirklich neu. Auch damals wusste man schon wie wichtig ein kompetenter Lippenschluss ist.

    Für Prof. Fränkel waren MF-Therapeuten eine Zukunftsvision. Man sollte sein Alter betrachten er ist 1908 geboren. Als der Weltweite Hype um ihn und er in aller Munde war, hat Prof. Fränkel längst nicht mehr klinisch gearbeitet. Die klinische Umsetzung haben andere verbrochen und es leider versemmelt / vermasselt. Mechanische Wirkungen sind keine Option für Funktionsregler, also die klinische Umsetzung einer Geräte unterstützten orthopädischen Behandlung. Dadurch wird die orthopädische Funktion dieser Geräte derartig eingeschränkt, dass sie nicht mehr sichtbar ist. Es ist ausschließlich ein Gerät zur Frühbehandlung für den Kieferorthopäden und es braucht die Unterstützung von MF-Therapeuten die tonische Muster im Kontext von biologischen Entwicklungsschritten begreifen und entsprechend therapieren. In der Literatur ist das Gerät überladen mit orthodontischen Funktionen und wird für Indikationen beschrieben / angewendet für die das Gerät nicht geeignet ist. Deshalb wird das Gerät nicht verstanden und ist im Grunde gescheitert.

    Warum Fränkel dabei zugesehen hat, er war ja noch lange mit Vorträgen unterwegs, dafür habe ich eine etwas verwegene Erklärung. Ich sehe darin einen Vater Tochter Konflikt. Er hat es nicht über sein Herz gebracht seiner Tochter deutlich ihre Begrenztheit mit zu teilen. Und sie wollte gegen diesen Übervater eigenes Profil gewinnen.

    Leider hat sich in der Ausbildung von Logopäden seitdem wenig verbessert. Moderne MF-Therapie entwickelt sich fast komplett außerhalb der Logopädie-Ausbildung. Also hat bisher im Kurrikulum zur Ausbildung von Logopäden keinen Niederschlag gefunden. Ich habe Jahre dazu gebraucht, das man höllisch aufpassen muss wohin man seine Patienten schickt. Aber die wenigen modernen MF-Therapeuten kommen empirisch zu identischen Ergebnissen wie Prof. Fränkel, was die Rolle tonischer Muster bei Wachstum und Entwicklung betrifft. Sie befinden sich damit im kompletten Wiederspruch zur Zahnmedizin und auch der Logopädie, das erklärt die großen Schwierigkeiten wissenschaftliche Anerkennung und Gehör zu finden.

    Auch und vorallem innerhalb der Logopädie.

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