Eine Myofunktionelle Störung (MFS) wird als eine Störung der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich definiert, die eine Beeinflussung der Bewegungs- und Koordinationsabläufe sowie des muskulären Gleichgewichts aller am Schlucken beteiligten Strukturen bewirkt (dbl, 2013). Eine Studie von Grabowski, Kundt und Stahl (2007) beziffert die Prävalenz der MFS mit 89 Prozent im Milchgebiss und 90 Prozent im frühen Wechselgebiss.

Die aus einer MFS resultierenden orofazialen Dysfunktionen sind unter anderem die „falsche Zungenruhelage“ sowie das „falsche Schluckmuster“, wobei der Ursachen- und Symptomenkomplex von orofazialen Dysfunktionen, insbesondere von Zungendysfunktionen und Zahn- und Kieferfehlstellungen, vielfältig ist. Sowohl Kieferorthopäden als auch Logopäden heben die Bedeutung einer interdisziplinären Zusammenarbeit in der Diagnostik orofazialer Funktionen hervor.

Evidenznachweise für die Diagnostik orofazialer Funktionen gibt es nur wenige. Viele angewendete Methoden zur Diagnostik beruhen auf „persönlichen“ Erfahrungen ohne Wirksamkeitsnachweise.

Im Folgenden eine Darstellung der Ursachen und des Symptomenkomplexes der orofazialen Dysfunktionen „falsche Zungenruhelage“ und „falsches Schluckmuster“. Überdies werden die bisherigen Bemühungen zum wissenschaftlichen Nachweis der Evidenz im Rahmen der orofazialen Diagnostik erläutert sowie die gemeinsamen Bemühungen und Methoden der interdisziplinären Zusammenarbeit dargelegt.

Myofunktionelle Störung

Nachfolgend soll zunächst eine Definition der MFS gegeben werden, um im Anschluss daran die Ursachen- und Symptomenkomplexe insbesondere der „falschen Zungenruhelage“ und des „falschen Schluckmusters“ näher zu erläutern.

Ursachen- und Symptomenkomplex einer Myofunktionellen Störung

Laut Deutschem Bundesverband für Logopädie (dbl) (dbl, 2013) handelt es sich bei einer MFS um eine Störung der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich mit Beeinflussung der Bewegungs- und Koordinationsabläufe sowie des muskulären Gleichgewichts aller am Schlucken beteiligten Strukturen. Kittel (2014) erweitert diese Definition dahingehend, dass sich eine MFS neben der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich auch im Hals- und Nackenbereich auswirkt, und zwar sowohl bei den Primärfunktionen (Atmen, Saugen, Beißen, Kauen und Schlucken) als auch bei den Sekundärfunktionen (Artikulation und Phonation).

Bigenzahn äußerte schon 1995 die Annahme, dass ein abweichendes Muster in den Primär- und Sekundärfunktionen, vor allem im Bereich des Zungen- und Kaumuskulatur, eine Formveränderung des Mundraumes, der Zahnstellung und der Kieferstellung zur Folge haben kann. Dieses abweichende Muster einer MFS unterteilte Bigenzahn (1995) in primäre und sekundäre Dysfunktionen, wobei unter primären Dysfunktionen vor allem die Bereiche Mundatmung, „Zungenpressen“ sowie „falsches Schluckmuster“ verstanden werden, während die sekundären Dysfunktionen Artikulations- und Phonationsstörungen umfassen. Kahl-Nieke (2001) zufolge haben primäre Dysfunktionen einen verursachenden Charakter auf die Zahn- und Kieferstellung. Bei sekundären Dysfunktionen handelt es sich dagegen um muskuläre Fehlfunktionen, die Veränderungen von Hartgewebe bewirken oder bereits bestehende Veränderungen verstärken.

Grabowski, Kundt, et al. (2007) fanden im Rahmen einer Querschnittsstudie heraus, dass von 766 untersuchten Kindern mit Milchgebiss 89 Prozent eine MFS zeigten. Bei 2.275 untersuchten Kindern mit frühem Wechselgebiss wurde bei 90 Prozent eine MFS festgestellt. Eine zunehmende Verschlechterung des Gebissstatus in den Folgejahren wurde in einer weiteren Studie von Grabowski, Stahl, Gaebel, und Kundt (2007) nachgewiesen. Diese Studie ergab ferner, dass 75 Prozent aller Kinder mit Milchgebiss Gebissanomalien zeigten und eine signifikante Steigerung dieses Wertes auf 93 Prozent im Wechselgebiss nachweisbar ist. Grabowski, Stahl, et al. (2007) schlussfolgern aus ihren Erkenntnissen, dass eine kritische Reflexion hinsichtlich der Selbstheilungskräfte sowie eine Beachtung der kausalen Verkettung während der Entstehung von Dysgnathien in der Therapie von morphologischen Abweichungen im Gebiss stattfinden sollte.

Nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) (DGKFO, 2008) belegen zahlreiche Studien, unter anderem die oben beschriebene Studie von Grabowski, Stahl, et al. (2007), dass ein erhöhtes Auftreten von kraniofazialer Dysfunktionen, beispielsweise bei Mundatmung und vor allem bei Zungendysfunktionen, charakteristische Zahn- und Kieferfehlstellungen aufweisen, was auf eine funktionelle Beeinflussung der Zahn- und Kieferentwicklung schließen ließe. In diesem Zusammenhang kritisiert die DGKFO (2008) das Fehlen einer abschließenden Klärung der genauen Mechanismen im Zusammenhang der obengenannten Wechselwirkung.

Im vorgegebenen Rahmen dieser Hausarbeit kann eine umfassende Betrachtung des Ursachen- und Symptomenkomplexes einer MFS nicht geleistet werden, insofern wird sich im Folgenden darauf beschränkt, die Ursachen und Symptomenkomplexe der orofazialen Dysfunktionen „falsche Zungenruhelage“ sowie „falsches Schluckmuster“ näher zu beleuchten.

Ursachen- und Symptomenkomplex der „falschen Zungenruhelage“

Bei einer „falschen Zungenruhelage“ richtet sich der vordere Teil der Zunge entweder schlaff oder auch mit leichtem ständigen Druck interdental oder addental gegen die Frontzähne. Die Zungenränder weisen möglicherweise gegen die Seitenzähne oder es ist ein Ablegen der Zungenränder zwischen den Seitenzähnen zu beobachten. Die Zungenränder sind oft verdickt und gerötet und zeigen infolge des Drucks an den Zähnen Impressionen. Der Mittelteil der Zunge bleibt bei einer „falschen Zungenruhelage“ auf dem Mundboden (Kittel, 2014).

Thuer, Sieber, und Ingervall (1999) sehen in der Ruheposition der Zunge einen wichtigen Faktor für die Entwicklung der Zahnstellung. Im Zusammenhang mit vielen Störungen im orofazialen Bereich (habituell und organisch) kann eine pathologische Zungenposition beobachtet werden. Die „falsche Zungenruhelage“ kann laut Kittel (2014) als Anpassungserscheinung an einen „offenen Biss“ entstehen, und zwar dadurch, dass der „offene Biss“ die Zunge zu einer „falschen Zungenruhelage“ verleitet. So kommt es zu einer Aufrechterhaltung des „offenen Bisses“.

Die DGKFO erläutert in ihrer Stellungnahme von 2008, dass bei Tonus-, Positions- und Funktionsveränderungen der Zunge vermehrt Zahnfehlstellungen (u. a. Protrusion, Tendenz zum „offenen Biss“) auftreten. Proffit, Fields und Sarver (2007) führen in diesem Zusammenhang weiter aus, dass der bedeutende Faktor für entscheidende Auswirkungen auf die Entwicklung des stomatognathen Systems von der Dauer einer Kraft (täglich zwischen zwei und sechs Stunden) ausgeht und nicht von der Größe einer Kraft. Er nennt hierbei als größten Einfluss- und Wirkungsfaktor u. a. die Zungenruhelage, da sie mit am längsten wirksam ist. Die Wirkung des „falschen Schluckmusters“ stuft er im Vergleich zur „falschen Zungenruhelage“ als gering ein, da die Anzahl der Schluckakte pro Tag (ca. 1.500) keine stundenlange Krafteinwirkung darstellen.

Ursachen- und Symptomenkomplex des „falschen Schluckmusters“

In der Literatur werden für das „falsche Schluckmuster“ unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet, unter anderem „viszerales Schluckmuster“, „falsches Schluckmuster“, „fehlerhaftes Schlucken“, „Zungenpressen“ („tongue thrust“) (u. a. Garliner, 1989; Grabowski, Stahl, et al., 2007; Kittel, 2014).

Kittel (2014) beschreibt das „falsche Schluckmuster“ so, dass sich der vordere und/oder der laterale Teil der Zunge gegen oder zwischen die Zähne drücken beziehungsweise schieben. Im lateralen Zungenbereich kann dies einseitig oder auch beidseitig vorkommen. Ferner erläutert Kittel (ebd.), dass sich beim „falschen Schluckmuster“ die Zungenmitte nicht gegen den harten Gaumen bewegt, wobei sie als Grund hierfür angibt, dass infolge der Schwäche des Zungenmittelteils der nötige Unterdruck zum Nahrungstransport nicht aufgebracht werden kann. Überdies verdicken sich in vielen Fällen nach dem „falschen Schlucken“ die Seitenränder und es können weiße Eindrücke der Zähne sichtbar sein. Bei dauerhaftem starken Pressen der Zunge im Zuge des „falschen Schluckens“ kann der laterale Bereich der Zunge girlandenartige Ränder aufweisen und gerötet sein.

Der Tonus innerhalb der Zunge ist häufig unterschiedlich. Die lateralen Anteile der Zunge sind stark und die Zungenmitte schwach. Dadurch entsteht ein schüsselartiges Aussehen der Zungenmitte. Aufgrund der fehlenden Bewegung der Zunge in Ruhe und beim Schlucken zum Gaumen hin ist das Zungenbändchen kurz (Kittel, 2014).

Garliner und Gables (1982) machte in einer Studie deutlich, dass das Fehlschlucken ein komplexer Vorgang ist und nicht nur aus der „falschen Zungenlage“ beim Schlucken besteht. Überdies sei das „Zungenpressen“ („tongue thrust“) jeweils im Zusammenhang mit einem gestörten orofazialen Muskelgleichgewicht sowie der „falschen Zungenruhelage“ zu sehen (Garliner, 1989), während für Kittel (2014) das „falsche Schlucken“ im Mittelpunkt einer MFS steht. Linden (1984) sieht die Hauptursache für ein lang anhaltendes „viszerales Schluckmuster“ vor allem darin, dass mithilfe der interdentalen Platzierung der Zunge ein instinktives Bedürfnis nach einem offenen Luftweg bedient wird. Rakosi (1984) beschreibt, dass das „fehlerhafte Schlucken“ primär bestehen und dadurch Dysgnathien verursachen kann. Andererseits kann ein „falsches Schluckmuster“ auch als Anpassungserscheinung an Dysgnathien (u. a. „offener Biss“) entstehen (Kittel, 2014; Rakosi, 1984). Durch letzteres kommt es laut Kittel (2014) zu einer Aufrechterhaltung des „offenen Bisses“.

1991 konnten Clausnitzer und Clausnitzer (1991; zitiert nach Clausnitzer, 2006) in einer vergleichenden Studie an 458 Kindern (358 Kinder mit Dysgnathien und 100 Kinder mit eugnathem Gebiss) feststellen, dass ein „falsches Schluckmuster“ bei Kindern mit Dysgnathien signifikant häufiger auftritt als bei Kindern mit eugnathem Gebiss. Grabowski, Stahl, et al. (2007) bestätigten diesen Zusammenhang anhand von Untersuchungsergebnissen an 3.041 Kindern mit Milch- und frühem Wechselgebiss.

Evidenz im Rahmen der orofazialen Funktionsdiagnostik

Nachfolgend werden die Gütekriterien eines Diagnostikinstruments in Anlehnung an Beushausen und Grötzbach (2011) beschrieben. Sodann wird die Evidenz im Rahmen der orofazialen Funktionsdiagnostik erläutert, wobei auf die Funktionsdiagnostik nach Kittel und auf weitere Funktionsdiagnostiken eingegangen wird.

Gütekriterien eines Diagnostikinstruments

Laut Beushausen und Grötzbach (2011) ist eine Diagnostik bei der Planung einer Therapie unerlässlich. Das Diagnostikinstrument sollte dabei den Gütekriterien Objektivität, Validität und Reliabilität entsprechen, um als standardisiert und normiert zu gelten. Objektivität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Untersuchungsergebnisse vom Untersucher nicht beeinflussbar und abhängig sein dürfen. Validität beschreibt die Gültigkeit eines Tests; eine Untersuchung ist demnach dann valide, wenn der Test tatsächlich das misst, was er vorgibt zu messen. Reliabilität ist die Zuverlässigkeit eines Tests, das heißt, eine Untersuchung ist dann reliabel, wenn bei einer Testwiederholung dasselbe Ergebnis erzielt wird. Eine Normierung ermöglicht die Einschätzung, ob die Testperson mit den erreichten Ergebnissen im Vergleich zur Norm im durchschnittlichen, über- oder unterdurchschnittlichen Bereich liegt (Beushausen & Grötzbach, 2011).

In einer Stellungnahme von 1988 kritisierte die DGKFO (DGKFO, 1988) die fehlende Evidenz für den Bereich der „Myofunktionellen Übungen“ und der „Myofunktionellen Therapie“ (MFT) wie folgt: „Zur allgemeinen wissenschaftlichen Anerkennung fehlen noch notwendige Kriterien der Beweisführung und der Reproduzierbarkeit durch andere Wissenschaftler sowie ein allgemein akzeptierter Indikationskatalog“ (DGKFO, 1988, S. 2). Sie bekräftigte in einer Stellungnahme von 2008 (DGKFO, 2008) die obengenannte Kritik und erklärte, dass die Diagnostik orofazialer Dysfunktionen weiterhin weder standardisiert noch evidenzbasiert ist. Sie fordert eine „standardisierte funktionelle Basisuntersuchung und Dokumentation“ (S. 2). Lediglich Ansätze zur Verbesserung der Dokumentationssituation sind in der Literatur auffindbar.

Felicio und Ferreira wiesen 2008 darauf hin, dass es in der Literatur kein gültiges Instrument für die Evaluation der Befundung orofazialer MFS gibt (Felicio & Ferreira, 2008). Aufgrund dessen ist es für den Untersucher /Therapeuten schwierig, seine Wahrnehmung valide und reproduzierbar zu beschreiben. Mehnert, Landau, Orawa, et (2009) bemängeln dies ebenfalls und sind der Meinung, dass eine evidenzbasierte und standardisierte Diagnostik als Voraussetzung für einen Therapieerfolg angesehen werden kann.

Funktionsdiagnostik nach Kittel

Die Funktionsdiagnostik nach Kittel (1998) umfasst folgende Bereiche: Lippen, Zunge, Kinn, Gesichts- und Kaumuskulatur, Zähne, Kiefer, Gaumen, Gesamtkörper, Atmung, Artikulation, Stimme, Anamnese, sonstige Beobachtungen und Bemerkungen. Die Diagnostik der Zungenfunktion von Kittel (1998) wird von Stahl, Grabowski, Gaebel, und Kundt (2007) und Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) als Standardverfahren bei der Diagnosestellung von Zungendysfunktionen betrachtet.
Kittel (2008) und Korbmacher, Böhme, Kittel, und Kahl-Nike (2004) bezeichnen die Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (1998) als häufig angewendetes und anerkanntes Verfahren unter anderem von Phoniatern, Logopäden und Kieferorthopäden. Eine Expertenbefragung von 419 Logopäden ergab, dass 92,4 Prozent der Befragten nach dem Therapiekonzept von Kittel (2011) arbeiten und 35,3 Prozent ihre Fortbildung besucht haben. (Eifler & Wittich, 2012). Aufgrund dieser Zahlen kann angenommen werden, dass auch die Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (1998) von sehr vielen Logopäden durchgeführt wird. Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) stellen jedoch fest, dass die Qualität dieser Untersuchung noch nicht gezielt verifiziert wurde.

Studien zum Evidenznachweis der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel

Aufgrund des bisher fehlenden Evidenznachweises führten Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) eine Untersuchung zur Validität und Reliabilität der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (2008) durch. Hierbei wurden 52 Probanden in zwei Fachpraxen für MFT mit der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (Zungenruhelage, Zungenlage beim Schlucken) von jeweils drei Logopädinnen getestet. Die Ergebnisse der Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel ergaben unterschiedlich hohe Werte der Interrater-Reliabilität (in einer Fachpraxis waren sie befriedigend, in der anderen weitgehend unzureichend). Als Fazit stellen die Autoren fest, dass die Reliabilität und Validität der logopädischen Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel zum Zeitpunkt der Studie nicht dargestellt werden und auch nicht als angenommen gelten kann. Die heterogenen Ergebnisse dieser Studie eigenen sich laut Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) auch nicht dafür, einen wissenschaftlichen Nachweis für die zuverlässige Diagnostik von Zungendysfunktionen nach Kittel zu liefern. Die als anerkanntes Verfahren geltende Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel wird im Rahmen der obengenannten Studie nicht einheitlich als überzeugend eingeschätzt. In diesem Zusammenhang werfen die Autoren die Frage auf, ob der überweisende Kieferorthopäde durch eine Zungenfunktionsdiagnostik der Logopädin aufgrund der Heterogenität der Ergebnisse neue und vor allem verlässliche Erkenntnisse erhält.

Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) verglichen in einer weiteren Studie die logopädischen und magnetresonanztomographischen Befunde (MRT-Befunde) zur Zungenfunktionsdiagnostik nach Kittel (1998) (Logopädische Diagnostik nach Kittel) und untersuchten, inwieweit logopädische Diagnosen durch MRT-Befunde ersetzbar sind. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die logopädischen Befunde nach Kittel (1998) und die MRT-Befunde deutlich voneinander abwichen und dadurch keine befriedigende übereinstimmende Diagnose möglich war. Sowohl bei der Beurteilung der Zungenruhelage als auch bei der Beurteilung des Schluckmusters konnten keine signifikanten Korrelationen festgestellt werden. Daraus schlussfolgern Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009), dass die Übereinstimmung der logopädischen Befunde nach Kittel (1998) und der MRT-Befunde gering sind. Unklar bleibt, welche dieser obengenannten Befunde die tatsächliche klinische Situation korrekt darstellt. Die Autoren leiten daraus ferner ab, dass weder die magnetresonanztomographische Auswertung noch die Befundung nach Kittel (1998) sich alleine als standardisierte Untersuchungsmethode zur Diagnostik einer Zungenfunktionsstörung eignet, da beide Verfahren Fehlerquellen beinhalten. Auch sehen sie kritisch, ob der Patient sowie der Kieferorthopäde nach einer logopädischen Befundung eine verlässliche Diagnose erhält, da es an standardisierten und evidenzbasierten Diagnostikmethoden mangelt.

Wie soeben erwähnt, vermuten Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) Fehlerquellen in der logopädischen Befundung nach Kittel (1998). Die intraorale Einsicht bei der logopädischen Befundung ist begrenzt, sodass Fehler innerhalb der Untersuchung möglich sind. Die neben anderem stattfindende Beurteilung der Zungenruhelage sowie des Schluckmusters unter Sicht (mit Wangenhaltern) könne jedoch die Ruhelage und das Schluckmuster beeinflussen. Klemp, Tippner, Walz, und Warnow (2011) sehen ebenfalls die mögliche Beeinflussung des Schluckmusters durch den Wangenexpander und vermuten eine bewusste oder unbewusste Veränderung des Schluckvorgangs.

Ferner nehmen die Autoren bei der Verwendung des Wangenexpanders auch an, dass der Schluckvorgang dann nicht mehr ausnahmslos unbewusst durchgeführt wird. Sie leiten daraus die grundsätzliche Frage ab, wie die Myofunktionelle Diagnostik überhaupt durchgeführt werden sollte (bewusst oder unbewusst) und plädieren sowohl für eine bewusste als auch eine unbewusste Durchführung. Grabowski, Kundt, et al. (2007) erwähnen in diesem Zusammenhang, dass pro Patient oftmals unterschiedliche Zungenpositionen (in Ruhe und beim Schlucken) festgestellt werden können. Aufgrund dessen ist Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) zufolge eine zusätzliche Schwierigkeit in der eindeutigen diagnostischen Zuordnung der Zungenruhelage und des Schluckmusters nach Kittel (1998) vorhanden. Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) weisen ferner darauf hin, dass eine einheitliche Bezeichnung der verschiedenen Zungenfunktionsstörungen fehlt, was eine eindeutige Diagnostik der Zungenfunktion zusätzlich erschwere.

Im Vergleich zu anderen Untersuchungsmethoden (z. B. Palatographie, Elektromagnetische Artikulographie, Ultraschalldiagnostik) (u. a. Fuhrmann & Diedrich, 1994; Schwestka-Polly, Engelke, & Engelke, 1992) bezeichnen Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) die Magnetresonanztomographie (MRT) als ein geeignetes Verfahren zur Darstellung der motorischen Zungenfunktion. Sie sehen die Vorteile in der Beurteilung unter anderem der Weichteilbefunde (z. B. vergrößerte Adenoide) sowie der Funktionsbefunde des Kiefergelenks. Nachteilig bewerten sie die Fixierung des Kopfes während der Durchführung des MRT und die Rückenlage des Patienten. Dies könnte Auswirkungen auf die Zungenfunktion in Ruhe und beim Schlucken haben.

Weitere Funktionsdiagnostik und ihre Evidenz

Korbmacher et al. (2004) erstellten einen fachübergreifenden und methodenunabhängigen Diagnosebogen, der eine standardisierte Diagnostik möglich machen soll. Die Evaluationsergebnisse zeigten, dass 18 Prozent (8 von 44 befragten Therapeuten) im Rahmen der Erstdiagnostik keine standardisierte Mittel einsetzen. Mithilfe dieses Diagnosebogens soll sowohl die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei Patienten mit orofazialen Dysfunktionen verbessert als auch eine wissenschaftliche Grundlage für die logopädische Diagnostik und Therapieableitung geschaffen werden. Der Bogen ist gleichermaßen für eine Erstdiagnostik wie eine Verlaufsdiagnostik verwendbar und umfasst die Themengebiete Muskulatur, Zunge, Artikulation, Atmung, Habits sowie einen kieferorthopädischen Kurzbefund geeignet. Für jedes dieser Themengebiete ist ebenfalls die Möglichkeit eines Konsils bei anderen Fachgebieten (Phoniatrie, Hals-Nasen-Ohren Arzt (HNO-Arzt), Pädiater) vorgesehen. Korbmacher et al. (2004) weisen jedoch auch darauf hin, dass zusätzlich zu diesem Diagnosebogen eine weitere vertiefende Diagnostik in den Fachdisziplinen erforderlich ist. Sie bestätigen überdies die durch die DGKFO (2008) geäußerte Kritik nach fehlender Evidenz und sehen die Entwicklung einer homogenen reproduzierbaren Dokumentation der Diagnostik und Verlaufsdiagnostik als Basis für eine wissenschaftliche Beweisführung. Allerdings sehen sie hinsichtlich der angestrebten wissenschaftlichen Beweisführung die Schwierigkeit, dass dieses Ziel aufgrund der sehr heterogenen bzw. fehlenden standardisierten Diagnostik innerhalb der Logopädie behindert wird.

Weitere Untersuchungen zur Reliabiliät Myofunktioneller Diagnosen mithilfe von verschiedenen Befundbögen von Bakke, Bergendal, McAllister, Sjogreen, und Asten (2007) und Felicício und Ferreira (2008) erlauben aufgrund unterschiedlicher Methoden und unterschiedlicher Probandengruppen kein pauschales Urteil über die Evidenz, Reliabilität und Validität der Zungenfunktionsdiagnostik. Obwohl in der Vergangenheit zahlreiche Untersuchungen zur Analyse der Ruhelage und Bewegungsabläufe der Zunge durchgeführt wurden (u.a. mit Elektropalatographie, Sonographie und elektromagnetischer Artikulographie) (Cayley, Tindall, Sampson, & Butcher, 2000; Fuhrmann & Diedrich, 1994; Schwestka-Polly et al., 1992), ist dennoch weiterhin eine standardisierte und evidenzbasierte Diagnostik orofazialer Dysfunktionen nicht möglich (DGKFO, 2008). Die DGKFO (2008) sowie Sergl (1988) erklärten, dass das exakte Erfassen von Weichteilen und Weichteilfunktionen aufgrund ihrer Heterogenität methodisch schwer umsetzbar ist. Von den in diesem Kapitel beschriebenen und aufgezählten Diagnostikinstrumenten konnte sich keines etablieren.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Im Zentrum des Interesses steht nachfolgend die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen im Bereich der orofazialen Funktionsdiagnostik. Besondere Anforderungen an die Interdisziplinarität im Blick auf die Behandlung des „offenen Bisses“ werden erläutert.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Paul-Brown und Clausen (1999) machten auf die Bedeutung einer interdisziplinären Zusammenarbeit in der Diagnostik aufmerksam, da sich ein Erfolg nur durch ein Miteinander der Disziplinen statt eines Nebeneinanders erreichen ließe. Furtenbach und Wallner (2009) ergänzen dahingehend, dass je besser die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Disziplinen (u. a. Kieferorthopädie, HNO-Arzt /Phoniatrie, Logopädie) ist, desto besser auch die Diagnostik der orofazialen Dysfunktionen und daraufhin die Myofunktionelle Therapie (MFT) ausgeführt werden könne.

Mithilfe einer Interview-/Fragebogenstudie ermittelten Klocke, Korbmacher, und Kahl- Nieke (2000) die interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der MFT. 42 Therapeuten nahmen an dieser Studie teil. Das Ergebnis war, dass der Kieferorthopäde, der Kinderarzt sowie der HNO-Arzt als häufigster Überweiser genannt wurden. Eifler und Wittich (2012) kamen im Rahmen einer Expertenbefragung unter 419 Logopäden zu ähnlichen Ergebnissen bei der Frage nach dem häufigsten Überweiser, als zweihäufigster Überweiser wurde laut ihrer Befragung der Zahnarzt genannt.

Die Benotung der Zusammenarbeit mit dem Überweiser ergab eine Durchschnittsnote von 2,7 für den Kinderarzt sowie für den HNO-Arzt. Der Kieferorthopäde erhielt die Durchschnittsnote 3,2 (Klocke et al., 2000). In einer Studie von Korbmacher und Kahl-Nieke (2001) bemängelten 86 Prozent der Logopäden die Qualität der interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Kieferorthopäden.
Der späte Überweisungszeitpunkt wurde von einem Drittel der Therapeuten kritisiert. Zwei Drittel der Therapeuten bevorzugen einen frühzeitigen Therapiebeginn von acht Jahren oder jünger. Der Wunsch nach besserer Kommunikation zwischen Überweiser und Therapeut wurde von 48 Prozent der Befragten geäußert (Klocke et al., 2000).

Interdisziplinäre Fortbildungen, Aufklärung des Patienten durch den Überweiser (Art und Relevanz der Therapie) sowie ein frühzeitiges Screening zur Vorsorge und Früherkennung von Störungen waren Vorschläge zur Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit (Klocke et al., 2000). Durch interdisziplinäre Fortbildungen versprechen sich Klocke et al. (2000) eine gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit und die Schaffung eines besseren Grundverständnisses untereinander. Ferner erachten sie die Übermittlung eines Dokumentationsbogens mit diagnostischen Unterlagen des jeweiligen Arztes sowie Informationen über den Patienten als sinnvoll.

Besondere Anforderungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit

Subtelny und Sakuda (1964) sowie Korbmacher und Kahl-Nieke (2001) sehen eine gute interdisziplinäre Kooperation und Kommunikation von Kieferorthopäden und Logopäden bei der korrekten Diagnose eines „offenen Bisses“ (fronale Intraokklusion) als sehr bedeutsam an. Sie empfehlen die Benutzung eines standardisierten Diagnoseprotokolls. Am Beispiel eines „offenen Bisses“ beschreiben Lisson und Heckmann (2008), dass es in der kieferorthopädischen und logopädischen Differentialdiagnostik wichtig ist, die Ursache hierfür herauszufinden, wobei diese sowohl durch dentoalveoläre Faktoren (orofaziale Dysfunktionen), skelettale Faktoren (Ober- und Unterkieferbasis) oder durch dentoalveolär-skelettale Faktoren (beide obengenannten Faktoren gleichermaßen) bedingt sein kann. Im Rahmen einer von beiden Seiten umfassenden Diagnostik lassen sich die Ursachen mittels Funktionsbefunden sowie einem Fernröntgenseitenbild feststellen. Lisson und Heckmann (2008) legen dar, dass übersehene persistierende orofaziale Dyskinesien den kieferorthopädischen Behandlungserfolg einer Dysgnathie (z. B. „offener Biss“) ganz oder teilweise rückgängig machen können.

Stöckli, Ingervall, Joho, und Wieslander (1987) formulierten 1987 die Vermutung, dass Kieferorthopäden gerne persistierende Zungendysfunktionen für kieferorthopädische Misserfolge verantwortlich machen, obwohl eine nicht vollständige Befunderhebung durch den Kieferorthopäden vorausgegangen ist und/oder andere ursächliche Faktoren übersehen worden sind.

Fazit und Ausblick

In der Literatur gibt es zum Themenbereich MFS überwiegend Expertenmeinungen, was aus einem forschungsmethodischen Blickwinkel heraus nicht wissenschaftlich ist. Wie in Kapitel 2 erläutert, sind die Symptome und Ursachen von orofazialen Dysfunktionen vielfältig und eine empirische Erforschung ist größtenteils nicht vorhanden. Ein evidenzbasierter Zusammenhang zwischen Ursachen und Symptomen konnte bisher nicht hergestellt werden. Ferner sind die Ursachen und Symptome beispielsweise im Bereich des „falschen Schluckmusters“ nicht klar voneinander getrennt. Hierbei wird von Rakosi (1984) und Kittel (2014) beschrieben, dass ein „falsches Schluckmuster“ primär bestehen und dadurch eine Dysgnathie verursachen kann. Andererseits kann ein „falsches Schluckmuster“ auch eine Anpassungserscheinung an eine Dysgnathie (z. B: „offener Biss“) sein.

Die Funktionsdiagnostik nach Kittel (1998) wird als Standardverfahren angesehen (Mehnert, Landau, Orawa, et al., 2009; Stahl et al., 2007). Die MFT nach Kittel (2011) wird laut einer Expertenbefragung unter 419 Logopäden (BC) von 92,4 Prozent durchgeführt (Eifler & Wittich, 2012). Die entsprechende Fortbildung wurde von 35,3Prozent der Befragten besucht (Eifler & Wittich, 2012). Untersuchungen von Mehnert, Landau, Orawa, et al. (2009) konnten jedoch belegen, dass sich bei der Funktionsdiagnostik nach Kittel (2008) die Gütekriterien Validität und Reliabilität nicht einheitlich überzeugend nachweisen ließen. Mehnert, Landau, Mußler, et al. (2009) gingen in ihrem Fazit sogar noch weiter und ergänzten, dass sich die Diagnostik nach Kittel (1998) nicht allein als standardisierte Untersuchungsmethode einer Zungendysfunktion eignet. Kittels Werk Myofunktionelle Therapie (2014) sowie die Fortbildung der Autorin beinhalten in den Bereichen Symptome der orofazialen Dysfunktionen sowie Diagnostik überwiegend subjektive Erfahrungen und Annahmen ohne Evidenzen.

Aus dem geschichtlichen Hintergrund der Logopädie wird deutlich, dass diese Disziplin in Deutschland über einen langen Zeitraum hinweg ein Heil-Hilfs-Beruf ohne wissenschaftlichen Anspruch war. Mittlerweile ändert sich dies allmählich und es werden vermehrt Studien, etwa Vergleichsstudien und Wirksamkeitsstudien durchgeführt. Viele Logopäden ohne Grundwissen hinsichtlich Evidenz und ihrer Zusammenhänge sind außerstande, Studienergebnisse zu interpretieren und verbleiben in Handlungstraditionen aufgrund subjektiver Erfahrungen, Annahmen und Lehrbuchmeinungen ohne Evidenzen.

Auf die bisher nicht vorhandene Standardisierung der Diagnostik von orofazialen Dysfunktionen weist die DGKFO (2008) hin. Als Diskussions- und Forschungsgegenstand könnte der Interdisziplinäre Diagnostikbogen (Korbmacher et al., 2004) dienen. Eine Weiterentwicklung dieses Diagnostikbogens im Sinne einer Erprobung durch eine „multizentrierte Studie“ hatten die Autoren 2004 in Aussicht gestellt, doch konnte diesbezüglich keine erneute Veröffentlichung gefunden werden. Außerdem sollte in Zukunft die Erstellung von Leitlinien diskutiert werden, was sich jedoch laut DGKFO (2008) aufgrund der großen Individualität unter anderem im Bereich des Ursachen- und Symptomenkomplexes schwierig gestaltet.

Abschließend bleibt festzustellen, dass die Bereiche Ursachen und Symptomenkomplex der MFS und Funktionsdiagnositk orofazialer Dysfunktionen überwiegend unerforscht sind. Aufgrund der geschilderten Erschwernisse im Rahmen einer Evidenzbasierung wird eine Verbesserung dieser Situation in naher Zukunft meines Erachtens auch nicht möglich sein.